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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1923-01-01 · Heft 6 · p. Seite 237

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
67 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1923-01-01
Page
Seite 237 (sequence 13)
Language
German
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m dringung des. Gottesgesetzes als eine entscheidende Bestimmung frommen Lebens. Aber das Studium der Thora wirkt durch die Objektivitäfc ihrer Wahrheit, die keiner anzweifelt, keiner auch erst im persönlichen innerlichen Kampf der Seele zu erringen braucht, wiederum im Sinne einer Festlegung des Gefühls auf das eine allen Kindern des Bundes gemeinsame Gut. Und trotzdem erlebt das Judentum, das sich niemals von seinem sozialen Grunde losreist, eine innerliche Besonderung und Erhöhung seiner einzelnen Glieder durch die Bewährung eines Solidaritätsgefühls, die jene Wendung von dem unermeßlichen Wert der einzelnen Menschenseele durch die Tat zu Ehren bringt. Die Hartnäckigkeit und Eigenwilligkeit, die schon sein erster Führer an dem Ganzen des Volkes entdeckt und geißelt, überträgt sich im guten Sinne wie im bösen auf die einzelnen Angehörigen, die durch den ihr Bewußtsein beherrschenden Gedanken der individuell-persönlichen Teilhabe am nationalen Rang wachsen und an Menschenwert vor sich selber gewinnen. Die Erhöhung der Gesellschaft erhöht auch den Einzelnen. Persönliche Erhöhung aber bedeutet Erhöhung der Persönlichkeit. Die Sorgsamkeit und Liebe, die teilnehmende Behandlung und zarte Menschlichkeit, die Rücksicht und Hoch- Wertung, auf die die Kinder des Bundes beieinander Anspruch haben, ergibt von selbst eine individualisierende Betrachtungsweise von seiten der Handelnden. Die abstrakte Forderung des Sittengesetzes, die isoliert von den natürlichen Neigungen der Seele über uns als Gesetz schwebt, ist wohl imstande, zur Anerkennung der sittlichen Persönlichkeit zu führen. Aber die allgemein gültigen Werte, die es aufstellt, werden in concreto viel weniger dazu bringen, die individuelle Entwicklungsfähigkeit des sittlichen Charakters zu berücksichtigen oder gar zu fördern, als vielmehr die Identität des in allen Anwendüngen sich gleichbleibenden Gesetzes durch Ausglättung und Abfeilung der individuellen Verschiedenheiten zur Darstellung zu bringen. Das heißt: Der Pflichtgedanke der rationalen Ethik übersieht oder vernachlässigt den Wert der eigenartigen Persönlichkeit, der Individualität, gegenüber der Bemühung, durch die Geltendmachung der überall identischen Maxime sittliche Persönlichkeiten zu schaffen. Die Gefahr einer Uniformierung ist für das reine Pflichtmenschentum immer latent, auch wenn in dieser Idee, wie sich’s gehört, das Maximum, nicht das Minimum der Pflicht begriffen wird. Im Gegensatz hierzu bedeutet die Haltung, die in der lebendigen Gemeinschaft der jüdischen Gesellschaft der eine zum andern einnehmen soll, die herzliche Hinübemeigung und Selbstdarreichung des Menschen von Fleisch und Blut zum Genossen, nicht einer rationälen Idee zuliebe, sondern aus einer Liebesempfindung heraus, die das Eigene des andern, selbst das Eigenwillige, bisweilen sogar über Gebühr zu respektieren scheint. Disziplin ist keine Stärke des Juden. Aber dieser Mangel an Form, seine schwierige Organisierbarkeit, beruht doch schließlich in einer gewissen Beschaffenheit seines Gehaltes, in der tiefen Prägung, welche die Gestalt der einzelnen jüdischen Seelen umpflügt und oft die schwanke Grenze zwischen eigenem Sinn und Eigensinn auslöscht.

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