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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1923-01-01 · Heft 6 · p. Seite 236

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
67 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1923-01-01
Page
Seite 236 (sequence 12)
Language
German
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336 Gesicht. Wenn es für den jüdischen Schnorrer ebenso charakteristisch ist, Unverschämt zu sein, wie für den christlichen Bettler demütig und bescheiden, so ist wohl damit genugsam die Selbstverständlichkeit aufgezeigt, mit welcher der Jude das Eintreten seines Glaubensgenossen für ihn als sein angeborenes Recht in Anspruch nimmt. Das alles ist ja sehr wohl bekannt. Man muß sich nur die Quelle klar machen, aus der es strömt, die eigentümlich religiöse Tönung dieser Solidarität. Mit dem auserwählten Volk ist jedes seiner Kinder von Gott ausgezeichnet. Das bedeutet für jeden Einzelnen die doppelseitige Lage, daß er sowohl Träger einer besonderen Verpflichtung, wie Gegenstand einer ausnehmenden Fürsorge von seiten des anderen ist. Weniger bekannt, aber nicht weniger der aufmerksamen Beachtung würdig, ist etwas anderes, was sich daraus ergibt: die spezifische Färbung, welche der jüdische Individualismus aus der Grundtatsache der jüdischen Religion empfängt. Indem sich diese als ein Erlebnis darstellt, das sich dem Bewußtsein eines ganzen Volkes eingegraben hat, indem alle Offenbarungen, die den einzelnen Propheten zuteil wurden, ihren Sinn nur aus der Bedeutung erhalten, die sie für das Ganze der Staxnmesgemeinde besitzen, glaubte man für die biblische Frömmigkeit, zumal als das eigentliche Subjekt der Religiosität, die Gemeinschaft bezeichnen zu sollen. Der religiöse Individualismus aber, der in der Wechselbeziehung zwischen Gott und der Einzelseele sich gründet, sei — das ist die übliche These , der christlichen Forscher — eine Frucht des Exils, das mit der Zertrümmerung des nationalen Bestandes , mit der Zerstörung des Opferritus, mit der Ablösung des Volkes von den kultischen Institutionen, die am Boden des gelobten Landes hafteten, genötigt gewesen sei, einem neuen religiösen Gefühl die Bahn zu weisen, das im Gebet, in der persönlichen Hingebung an die Glaubensüberlieferungen, im Dogma von der Auferstehung des Fleisches, in der Uebernahme der Lehre von der persönlichen Vergeltung, sich seine Gegenstände aufgebaut habe. Das sei eine Vorbereitung zur Gottesreichpredigt Jesu gewesen, der, ohne grundsätzlich und ausdrücklich den Vorzugsrang des jüdischen Volkes aufzuheben, mit der Erkenntnis des unermeßliehen Wertes der einzelnen Menschenseele und der Erlösung der individuellen Persönlichkeit die jüdische Gruppengebundenheit endgültig durch die Verkündigung der Freiheit jedes Menschen ersetzt habe. Diese grobe Typisierung verkennt, daß nach allem, was wir von den alten Zeiten wissen und was die lebendige Gefühlsfort- Pflanzung zu uns und aus uns Juden spricht, der antiindividualistische, unpersönliche Gehalt der frommen Empfindungen und Gedanken, um es mit einem positiven Worte zu bezeichnen, der soziale Charakter der Religion in der nachexilischen und rabbinischen Zeit niemals weniger stark hervorgetreten ist als vorher. Gerade in dem für praktische Gläubigkeit so unendlich wichtigem Stück der eschatologischen Hoffnungen tritt das zutage. Was ist Auferstehung der Toten, also eine individuelle Hoffnung, neben dem Gedanken der messianischen Erlösung? Die aber wird dem ganzen Volke zuteil, und sie ist das wirksamste Stuck des Glaubens. Neben'die von jedem verlangte und jedem Einzelnen abgegoltene Bewährung der Thoravorschriften tritt die erkenntnismäßige Durch-

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