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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1923-01-01 · Heft 6 · p. Seite 235

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
67 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1923-01-01
Page
Seite 235 (sequence 11)
Language
German
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235 Selbstgefühl des puritanischen Glaubens, Aber beim Judentum, das tatsächlich nach außen hin zu einer Pariastellung verurteilt war, trat es infolge der Kontrastwirkung noch viel stärker ans Licht. Jeder Jude ist dem Juden Genosse; aber ein anderes ist es, unter der gleichen nationalen Fahne zu leben, die ihre einigende Kraft in erster Linie unter den Fremden beweisen soll, ein anderes auch die gemeinsame Teilhabe an einem Glauben, der die ganze Menschheit unter seinen Symbolen verknüpfen will und nach Maßgäbe seiner äußeren Ausbreitung die Festigkeit des Verhältnisses zwischen seinen Bekennern lockert, ein ganz anderes schließlich die jüdische Solidarität, in welcher die einen für die anderen bürgen, weil sie alle ihren Sinn und ihre Würde daher empfangen, daß sie gemeinsam von Gott in besonderer Weise angeschaut werden. Der allgemeine Gedanke der Gotteskindschaft und Gottesebenbildlichkeit des Menschen, mit welcher der ethische Monotheismus die Einheit des Menschengeschlechtes begründet, wird hier in denkbar wirkungsvollster Weise in einem Fragment der Menschheit zur Entfaltung gebracht. Nie zwar geht dieser Gedanke in seiner universalen Kraft dem jüdischen Bewußtsein verloren. Ja, der weltumspannende Monotheismus wächst notwendig aus der Seele hervor, die in innigster Liebe zu dem einzigen Gott zu allererst das Verhältnis menschlichen Wesens zu Gott, als das eines erhabenen Vertrauens tiefster gegenseitiger Hingebung empfindet, die in der Glut des Gottesgefühles die weihende Kraft des Gefühls als eines um Geister sich schlingenden Bandes überhaupt entdeckt. Doch weil der Gedanke der Gotteskindschaft für den Juden die Bedeutung einer unmittelbaren Lebenserfahrung besitzt, die das einzelne dem Stamme eingeordnete Glied aus der Geschichte immerfort sich hat verwirklichen sehen, weil es kein theoretischer Grundsatz ist, kein Dogma, sondern als der sichtbare Ausspruch tatsächlicher Existenz erscheint, hat die jüdische Gesellschaft als wirkliches Gemeinschaftsdasein ihre Ethik zu einer Kraft lebendiger Wirksamkeit erhoben, die niemals sonst eine religiöse Sittenlehre erlebte, wenn ihre Uebung sich längst vom Heldenzeitalter der Glaubensstiftung, der Periode der Jünger und Propheten, der Heiligen und Märtyrer entfernt hat. Die Sittenlehren der verschiedensten Bekenntnisse sind sich in der Forderung von liebender Hingebung, von Rücksicht und Wohlwollen, selbstloser Hilfsbereitschaft, von Barmherzigkeit und verzeihender Nachsicht, in der Brandmarkung von Rachgier und Gewalttätigkeit, von Grausamkeit und eitler Selbstliebe so gleich, daß eine einigermaßen aufrichtige und verständnisvolle Betrachtungsweise auf diesem Gebiete kein Glaubenssystem gegen ein .anderes ausspielen sollte. Die Frage ist vielmehr die, ob und durch welche Mittel eine Religion es vermag, aus der hierin überall gleichen Theorie lebendige Praxis zu gestalten. Nun ist es allgemein anerkannt und tief in das Volksbewußtsein der uns umgebenden Kreise eingedrungen, daß der Jude mindestens dem Juden gegenüber eine solche Brüderlichkeit und zarte Menschlichkeit, eine Kraft des Opferns und des Förderns, der tätigen Liebe und schaffenden Sorge besitzt, welche die anderen Menschen in ihrem eigenen Bereich nur als seltenste Beispiele zu rühmen wissen. Noch die Karikatur dieser Dinge lehrt uns * das wahre

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