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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1923-01-01 · Heft 6 · p. Seite 234

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
67 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1923-01-01
Page
Seite 234 (sequence 10)
Language
German
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י 234 terisierung Gottes als des Herrn der Welt und Schöpfers von Himmel und Erde, die Bitte, daß alles Götzenwesen und aller Irrglaube von der Erde verschwinden möge, der fromme Wunsch, daß alle Geschöpfe sich einen mögen, um insgesamt den göttlichen Willen zu tun, einer anderen, einer ״weitherzigeren'* Anschauungsweise entsprängen; denn man sollte, bevor man überhaupt von zwei divergierenden Richtungen im Judentum redet, daran denken, daß der Auserwähltheitsglaube mit all seinen ״partikularistisch“ scheinenden Konsequenzen nur auf dem Boden einer universalistischen Religionsanschauung möglich ist. Von dem Wesen, das nichts war als Stammesgott und sich dementsprechend um niemanden bekümmern durfte als um die ihn kennenden Verehrer, sind uns ja nur Trümmer von Ueberlieferungen erhalten. Der Charakter als Minderheitsreligion hat die Folge, daß das vSolidaritätsgefühl der Gläubigen eine Färbung annimmt, die nicht ohne weiteres in einer soziologischen Wirkung der Gemeinsamkeit des Bekennens und frommen Lebens sich begrenzt. Man muß hier auf jenes Besondere achten, das zu dem allgemeinen glaubensgenössischen Einheitsbewußtsein hinzukommt. Die Teilhabe an e i n e m Glauben ist ohne Rücksicht auf seinen Inhalt ein Bindemittel von hohem Rang. Das ist so selbstverständlich wie die Tat- Sache, daß dieses Band die Menschen umso fester umschlingt, je tiefer wirkend in den Seelen das religiöse Interesse sich offenbart. In der Geschichte der religiösen Verfolgungen begegnen wir nicht selten der Erscheinung, daß die Verfolgten durch Auswanderung und Neusiedelung jedwedes andere politische, soziale, kulturelle, wirtschaftliche — Band zerschneiden, nur um ungehemmt ihrer Ueberzeugung leben zu können. So erweist sich diese, wenn sie nur stark genug ist, allen andern auf die Seele ein wirkenden Triebkräften überlegen. Und doch ist es hier individuelle Ueberzeugung, die freilich bei Zahlreichen gleich gerichtet sein muß, um diese Ausgliederung aus allen sonstigen Daseinsbeziehungen und eine Neu- Orientierung, für welche bewußt nur das religiöse Moment als Leitstern feststeht, herbeizuführen. Beim Judentum kommt nun noch etwas Eigentümliches hinzu: In der Ueberzeugung des Einzelnen liegt hier zugleich die Beziehung auf die Gemeinschaft. Das Gefühl des Küal Israel besagt etwas anderes als die Regsamkeit einer Sympathie, die sich auf die Gesamtheit aller ,.Glaubensgenossen als Teilnehmer am gleichen Verhältnis zu Gott erstreckt, etwas anderes auch als die durch ein furchtbares gemeinsames Schicksal vertiefte Empfindung für alle Brüder und Schwestern vom Erzvater Jakob her; es wirkt vielmehr wie ein lauter Nachhall der göttlichen Stimme, die am Sinai nicht zu diesem oder jenem Menschen, sondern zur Gesamtheit des israelitischen Volkes gesprochen hat. Gott hat — das ist jüdisches Selbstgefühl — dieses Volk von allen anderen erwählt, und ich gehöre zu diesem auserkorenen Stamme, nehme teil an dem Besitz, der meiner Gemeinde ihren hohen Rang verbürgt. Dieser Erwähltheitsgedanke bedeutet Demokratie im Innern der Gemeinschaft, die sich um ihn gruppiert, und nach außen eih aristokratisches Hochgefühl. Das deckt sich zum Teil mit dem

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