Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 233 (sequence 9)
- Language
- German
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233 Stammesgött sieht, neben den ebenso realen Namen anderer Völkerschäften, so zeigt sich nicht bloß schon in den frühesten Schichten des Pentateuch neben und über dieser Anschauung jene andere, die höhere, sondern diese entwickeltere, universale ist ja die anerkannte Eigenart schon des biblischen Gottesbewußtseins, wie ja auch das Werden der von der alttestamentlichen Religion abgelösten Systeme von Christentum und Islam nur unter ihrer Voraussetzung möglich war. Diese Grundanschauung ist aber im späteren, im rabbinisch-talmudischen Judentum nicht bloß unerschüttert geblieben, sondern ist durch die Deklassierung, welche ihre Träger hinsichtlich ihrer politischen und sozialen Stellung in der Zerstreuung erfahren haben, eher noch gefühlsmäßig verstärkt worden. Es tritt in ihr also die Fundamentaltatsache des religiösen Bewußtseins zu Tage. Charakterisieren wir sie nach dem seelischen Gehalt, den sie besitzt, indem wir ihre Bedeutung für ihre Anhänger beschreiben. Sie ist kein Glaubenssatz, welcher sich subjektiv als persönliches Erlebnis auswirkt; denn nur als Glied des Ganzen, als Kind seines Stammes, dessen Erwählung vorausging, hat der einzelne Jude an der Kraft dieser Wahrheit Anteil. Sie ist vielmehr das Gefühl der Gewißheit eines historischen Faktums, das in dem unmittelbaren Sinn dieser individuellen und irrationalen Tatsächlichkeit ohne den Versuch einer metaphysischen Umbiegung und Ausdeutung hingenommen und anerkannt wird. Dieses letztere ist das Entscheidende: Die jüdische Frömmigkeit entzündet sich nicht am Glauben an metaphysische, sondern in der seelischen Ueb er nähme■ empirisch geschichtlicher Tatsachen. Hierin kommt das Zusammenfallen von Stammes- und Religionsgemeinschaft am deutlichsten zum Ausdruck. Wie die Quellpunkte des religiösen Lebens Israels, die Berufung des Abraham, die Mitteilung der Thora am Sinai, rein als historische Momente auf gef aßt wurden, so bleibt das fromme Bewußtsein immer zu allererst an Ereignissen in der Gemeinde orientiert, in denen freilich die Wege der göttlichen Führung dankbar verehrt werden. Unsere Gebete, die in ihrem Kernbestand aus der Zeit der Mischna stammen und die in ihren jüngeren Aus- Weitungen von den religionsphilosophischen Lehrgedichten einiger mittelalterlichen Sänger abgesehen, die den Charakter des Ganzen nicht verändern konnten — sich durchaus dem Geiste der Stammgebete anschließen, legen hierfür das beredteste Zeugnis ab. Das Achtzehngebet mit seinen charakteristischen Anfangsworten, die zu ständigen Formeln gewordenen Anreden: ,,Unser Gott und unserer Väter Gott“, die nie abbrechende Durchflechtung der Gebete mit dem Hinweis auf die zentrale Tatsache der jüdischen Religionsgeschichte, auf die Spendung der Thora durch Gott, die ebenso stereotyp gewordene ■ Erwähnung des Auszuges aus Aegypten, als der Geburt des Gottesvolkes, die nur der besonderen Gnadenerweisung des Ewigen zu verdanken, mit einem Worte: alles das, was man als nationale Faktoren in der jüdischen Empfindung zu bezeichenn pflegt, erzeugen ein Pathos, das grundverschieden ist von dem, was die im engeren Sinne metaphysisch fundierte christliche Religiosität aufkommen läßt. Es bedeutet keinen Einwand, daß die ebenso kenntliehen ״universalen'' Wendungen, die formelhaft gewordene Charak-