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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1923-01-01 · Heft 6 · p. Seite 232

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
67 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1923-01-01
Page
Seite 232 (sequence 8)
Language
German
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es wird verlangt, daß man sich die Gesinnung der religiösen Gemeinde als solcher aneigne« Jehuda Haiewis Gedanke, daß Offenbarung und Berufung am Sinai, indem sie nicht einem einzelnen Propheten, sondern dem Volksganzen zuteil geworden seien, für immer die jüdische Nation als Nation zur Wahrheit von dem einen Gott verpflichtet haben, drückt genau das aus, was das Selbstbewußtsein der jüdischen Religion zu aller Zeit sich selbst gesagt hat. Das traditionelle Religionsgesetz erkennt den Uebertritt eines Juden zu einem fremden Bekenntnis nicht an. Das katholische Kirchenrecht tut das gleiche. Der Unterschied ist aber, daß der Katholizismus die gesamte Menschheit als potentiell katholisch betrachtet und sich ja immer bemüht hat, diese Potenz zu Wirklichkeit werden zu lassen, während das Judentum, und zwar gerade auch als religiöse Instanz, die Selbst- Begrenzung auf die Nachkommen der Erzväter, Ausnahmen unbeschadet, anerkannt hat. Gewiß mag der anstalthafte, sakramentale Charakter״ des römischen Bekenntnisses in diesen Wirkungen dem Judentum sehr ähnlich sehen, indem die Bedeutung der persönlichen Ueberzeugung hinter die Autorität der Kirche zurücktritt. Aber ihr grundsätzlich universaler, katholischer Charakter, der die objektive Wahrheit über die subjektive Wahrhaftigkeit stellt, den Irrtum als Sünde brandmarkt, entfernt sie doch wieder unserem Bewußtsein. Umgekehrt aber hieße es den Tatsachen Gewalt antun, wollte man aus der Eifersucht, mit welcher unser Gesetz über den Bestand der ihm durch Geburt verpflichteten Menschen wacht — noch dazu solcher, die sich innerlich von ihm losgelöst haben —den Schluß ziehen, daß es sich hier um einen Ausfluß der nationalen oder gesellschaftlichen Selbstbehauptung handelt; denn im Vordergründe der Motivierung steht ein religiöser Affekt: Jedes Mitglied ist von Gott zur Erfüllung der von Gott Israel aufgegebenen Gebote bestimmt, ihre Verletzung ist Sünde und die schlimmste, das Joch des Himmels von sich abzuwerfen und durch Teilnahme an fremdem Kult seine Geltung grundsätzlich zu leugnen. Die Erörterung der Streitfrage über den wesenhaft nationalen oder religiösen Charakter der gegenwärtig in Mittel- und Westeuropa heimischen Judenheit kann nur gefördert werden, wenn man sich vor Augen hält, daß die jüdische Religion sich gewollt mit einer bestimmten Minderheit bescheidet, und zwar mit einem fest umgrenzten Stück Menschheit, das durch Stammesverwandtschaft sich geeint weiß. Von diesem ^festen Standorte aus ist nun die Haltung zu zeigen, welche unser frommes Gefühl zu religiöser Welt betrachtung einnimmt. Bis jetzt wurde festgestellt, daß die Gedanken über Gott und Leben, die als Gedanken jedweder Einengung auf umgrenzte Menschengruppen, die sie haben, widerstreben, die religiöse Gemeinde des Judentums nicht geschaffen haben. Es sei denn die Voraussetzung, die das Urerlebnis ist, daß der einzige Gott und ein Stamm von allen in besonderer Weise zusammengehören, — Wir brauchen nicht darauf einzugehen, daß diese Bedingung selbst erst entstanden ist, daß die ältesten Urkunden uns die Spuren ihrer Entwicklungsgeschichte erst zeigen. Denn wenn auch dem Glauben an Jahwe, als an die einzige reale göttliche Macht,, den Schöpfer der Welt,.eine Stufe voraufgegangen.ist, die in ihm nur den einzigen

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