Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 231 (sequence 7)
- Language
- German
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231 ■י”■•;־,■':' * zusammenhängende Menschengruppe niedergesenkt habe, so daß ein jüdisches Bekenntnis neben einem christlichen oder irgend einem andern zu stehen käme, noch wird die entgegengesetzte Anschauung dem Sachverhalt gerecht, die nationalistische, die das Judentum mit den Stammesreligionen nivelliert und in der ihm eigenen Stellung zum Göttlichen nichts sieht, als eine Manifestation der Volksseele neben anderen Schöpfungen derselben, eine besonders interessante vielleicht, aber doch eben nur eine neben vielen. Daß es einen psychologisch-historischen Standort gibt, der die Dinge so sehen kann und muß, ist selbstverständlich und wurde schon hervorgehoben. Ebenso scheint jene erste Betrachtungsart als möglich, wenn theologisch־ metaphysische Spekulation aus Elementen der jüdischen Religion ein System bereiten will. Uns aber fesselt weder das eine noch das andere Interesse, sondern allein der phänomenologisch eingestellte Blick: Was sagt die Lebendigkeit des konkreten jüdischen Bewußtseins? Die aber verlangt die Rücksicht auf die Einzigartigkeit dieses Phä־ nomens: Stammesgefühl, mindestens in der Bedeutung der gemein־ samen Abkunft der Individuen von den ursprünglichen Offenbarungsempfängern, wird , als Bedingung des religiösen Lebens empfunden, das in seiner Hingabe an den einzigen Gott die Einheit des Menschen־ geschlechtes als einen wesentlichen Inhalt seiner praktischen Be- Währung anerkennt. Anderwärts werden Menschen in eine Kirche hineingeboren, finden sich, aus dem Dämmer der Kindheit erwachend, in einer institutionell gefügten Organisation vor, die sie mit ihren Riten und Symbolen, ihren Gebeten und geheiligten Ueberlieferungen, ihrer Erziehung und Geschichte empfängt und so ihrem Ganzen eingliedert. Auf den ersten Blick mag praktisch zwischen der Gebundenheit eines durch Eltern und Ahnen in den Schoß einer solchen Gemeinde hinein־ versetzten Menschen und der eines Juden kein Unterschied erscheinen; aber er ist doch da. Und er tritt in dem spezifisch religiösen Charakter der Solidaritätsempfindung ans Licht, den der Gedanke des K'lal Israel bedeutet. Von vornherein liegt es nahe zu glauben, daß das enge Soli־ daritätsempfinden des Judentums restlos in die Zusammenwirkung der Stammeseinheit, noch verstärkt durch Gleichheit oder Aehnlichkeit des Schicksals der Individuen und landsmannschaftlichen Gruppen, mit der allgemeinen gemeinschafterzeugenden Kraft der religiösen Idee, von jedem konkreten.Inhalte abgesehen, aufgelöst werden kann. Die vergesellschaftende und Solidarität bildende Macht dieser Fak־ toren steht außer Frage, aber die eigentümliche und zwar religiös e Tönung der jüdischen Weltgemeinde geht doch nicht völlig darin auf. Nicht die Aehnlichkeit der persönlichen Ueberzeugung vom Walten der Gottheit, nicht die Verwandtschaft der individuellen Stellung zum Uebersinnlichen erzeugt bei uns gleichsam mechanisch durch Summierung aller Einzelsubjekte die Glaubensgemeinde, sondern m die konkrete Lebendigkeit des Geistes, in den realen Zusammen־ hang der Träger einer bestimmten Gesinnung, werden — auch in religiöser Beziehung — die Einzelwesen h i n e i n g e s t e 111. Gewiß wird auch die persönliche Ueberzeugung verlangt. Der Jude soll ja ״seinen Gott nicht bloß gläubig bekennen, er soll ihn erkennen. Aber