Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 230 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829915-2829920-2831967--45437-2832005- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Trotz/ meistens die Teilnahme an den Arbeiten und Sorgen der übrigen Kulturmenschheit auf genötigt, immer aber ihm die Ueberzeugung von seiner uneingeschränkten sittlichen Verpflichtung gegenüber den einzelnen nichtjüdischen Menschen vor Augen gehalten hat. Dieser religiös ethische Universalismus konnte aber daran nichts ändern, daß es stets die vornehmsteEigenart der jüdischen Frömmigkeit bleibt, die Erhaltung der Persönlichkeit des sie tragenden natürli chen Subjektes des jüdischen Stammes als ein heiliges Gebot zu empfinden. So liegt hier ein ganz besonderer, in seiner Art einziger Typus der Religion vor. Er unterscheidet sich von dem der durch Prädestination Berufenen, wie ihn etwa die Gnadenwahllehre des Puritanismus und der orthodoxe Islam zeigen, durch seine ethnische Grundlage; abgesehen davon, daß prophetischer und talmudischer Messianismus und Universalismus nie über eine bloß relative Differenzierung von Erwählten — Israel — und Nichterwählten — den andern Völkern — herausgeschritten sind, aber den absoluten Unterschied zwischen Seligen und Verdammten nicht bloß kennen, sondern grundsätzlich ablehnen. Denn die Frommen aller Völker haben ja Anteil an der ewigen Seligkeit. Aber der souveräne Willensgott ist dort wie da der entscheidende Faktor, und die Schroffheit der calvinistischen Gnadenlehre ist stärker als das jüdische Prinzip der Erwählung. Dehn mag dort die Gnade auch die Individuen ergreifen, was prinzipiell die allmähliche Einbeziehung aller in die Gemeinde der Auserkorenen zulassen würde, so wird doch tatsächlich und ausdrücklich diese Möglichkeit einer wirklichen Erstreckung der religiösen Wahrheit auf alle Sterblichen abgelehnt. Darin läge also keine prinzipielle Scheidung vom Judentum, die freilich an anderer Stelle sofort, wieder auftaucht. Der individuellen Begnadigung nämlich, des göttlichen Rufes an ihn, wird sich der Mensch im klaren Empfinden der Bewährung durch ein gottgewolltes Leben bewußt, zu dem an sich alle aufgefordert sind, das aber faktisch — weil Gott es so will — nur von einigen Wenigen erfüllt wird.. So kommt, was ja die geschiehtliehe Auswirkung gezeigt hat, ein stark aktivistisches Element in die sittliche Haltung dessen hinein, der der Gnade teilhaftig zu sein glaubt, Auch im Grundcharakter der jüdischen Religiosität wird ein solcher höchst wirksamer Antrieb zur Energie rege. Da aber der einzelne Mensch hier nicht in individueller Besonderung, sondern kraft seiner Zugehörigkeit zur Gemeinde der Erwählten dem göttliehen Gebot ausnehmend unterstellt ist, entspringt jene Energiequelle an einem andern Orte. Sie kann in die Einzelseele nur aus jener Fülle strömen, welche das Stammesbewußtsein aus dem Gefühl der Gesa m t beruf ung geschöpft hat. Das Judentum ist so — dem Selbstzeugnis seines wachen Empfindens zufolge — in wörtlichem Sinne ein Stamm, in welchem ethnisches und religiöses Bewußtsein sich durchdringen. Diese Auffassung ist nach zwei Seiten hin abzugrenzen. Weder darf die Tendenz herrschen, in ihm den Gehalt bestimmter ‘ Glaubenslehren und aus ihnen erfließender praktischer Maximen Zusehen, der seinem objektiven;Sinne nach von jedwedem besonderen ihn tragenden Subjekt ablösbar istyundsich wie zufällig gerade auf diese durch gemeinsame Abs tamihung