Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 229 (sequence 5)
- Language
- German
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229 Volk und Volk im Wege standen. Von diesen Dingen wird noch mehr gesagt werden. Es wäre jedenfalls unzureichend, wollte man den Sachverhalt sich so zurechtlegen, als ob dem TJniversalismus des Inhalts die Begrenztheit der religiösen Gemeinde derart entspräche, daß die Allgemeingültigkeit des religiösen Gedankens — der einzige Gott, Schöpfer und Erhalter von Welt und Menschheit — die Schranke der ursprünglichen Glaubensgenossenschaft zu durchbrechen hätte. Die Erwählung Israels, der einzigartige Rang, den ihm die göttliche Begnadigung verleiht, das bedeutet nie etwas nur Vorläufiges, etwa im Sinne einer teleologischen Betrachtung, daß dies ausschließlich eine Zurüstung Gottes zur Erleuchtung des ganzen Menschengeschlechts wäre. Man möchte versucht sein, die messianische Idee im Sinne der unbegrenzten Aus- Weitung des Verhältnisses des einzigen Gottes zum Menschen schlechthin zur ganzen Menschheit auszulegen. Zweifellos ist in ihr diese Absicht enthalten, und das Nebeneinander des partikularen Messianismus und des universalen ist kein Hemmnis, in diesem den reinen Ausdruck für die Einung der ganzen Menschheit in dem einzigen Gotte anzuerkennen. Der Messianismus vollendet nur mit bewußter Klarheit, was im monotheistischen Gottesbegriff von vornherein drin steckt: daß der Sinn des einzigen Gottes nur verwirklicht wird, indem er zum Gott aller wird. Aber er hebt nicht auf, was in dem Ursprungsgedanken der jüdischen Religion gesetzt ist, daß in besonderer Weise stets Israel Gottes Volk bleibt. Nirgends tritt das klarer hervor als Jesaia 49e, dem hellsten Ausdruck des prophetische^- Universalismus: ״Zu gering dafür, daß du Knecht mir bist, ist’s, aufzurichten die Stämme Jakobs und die Bewahrten Israels zurückzubringen, daß ich dich vielmehr mache zum Licht der Völker, damit meine Hilfe sei bis zu der Grenze der Erde/' Daß der moralische Gehalt, auf den diese Religion sich bringen läßt, alle Menschen angeht, angehen muß, ist selbstverständlich. In dieser Selbstverständlichkeit liegt ihre Würde, ihre universale Größe. Daß aber von innen her gesehen, aus jüdischem Bewußtsein heraus erlebt, es als unerträglich erscheinen müßte, daß der jüdische Stamm als besonderer Zielpunkt für das Wirken Gottes und seines Knechtes verschwinden sollte — das geht gerade aus diesem Prophetenwort in untragbarer Klarheit hervor. Und so verhält es sich mit allen Hinweisen — messianisehen und anderen — in den Prophetenreden und im biblisch-talmudischen Schrifttum, welche mit Bewußtsein die Brücke zwischen dem israelitischen Gottesvolk und der Heidenwelt schlagen. Es erübrigt sich, sie hier im einzelnen anzuführen, da besondere Zitate gerade auf diesem Gebiete für jene gewaltige, Schicht über Schicht umfassende Literatur wenig beweiskräftig wirken, zumal gleichzeitig der partikularistische Geist mit derselben philologisch-historischen Treue zu belegen ist. Es kann als wahr untersteht werden, daß von den Propheten ab der Gedanke der im Bewußtwerden des einen Gottes einigen Menschheit aus der jüdischen Seele nicht mehr verschwindet, ebenso, daß der Gewinn dieser religiösen Idee eine praktisch ethische Weitherzigkeit erzeugt, die dem Judentum, seinem historischen Schicksal der relativen Ausgeschlossenheit von den andern zum