Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 228 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829915-2829920-2831967--45435-2832003- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
228 Die Erlösung der M en s chheit, will sagen: d es M ensche n. Ist dessen Wesen so geartet, wie die paulinische Psychologie es bestimmt, dann muß folgerichtig die Veranstaltung zu seinem Heil so ins Werk gesetzt werden, wie es geschieht. Daher ja auch hier bei Paulus schon in der Geburtsstunde der neuen, der Erlösungsreligion, die Theologie die Führung an sich reißt. Das ist das, was wir hier immer unter rationaler Weltanschauung verstehen. Diese — in der hier umsteckten Bedeutung — bleibt immer die Grundlage des Christentums und hat zu allen Zeiten bis tief in die lebendige Gotteserfahrung christlich gefärbter Mystik gewirkt. Beim Judentum liegt das Geheimnis — man möchte sagen — an einer anderen Stelle, viel weiter vorwärts im Menschenwege. Warum hat Gott gerade dieses Volk Israel auserwählt? Warum bleibt es noch in seiner Treulosigkeit Gottes Erstling? Das ist das, was wir hier mit geschichtsmetaphysischem Irrationalismus bezeichnen, im Gegensatz zu demjenigen des Denkens, hinsichtlich dessen kein prinzipieller Unterschied zwischen den beiden Religionen besteht. P•: Das ist das Herz jüdischen Wesens. Will man dieses in seinem Fürsichsein sich verdeutlichen, so muß man zu allererst die Verkehrtheit einer Betrachtung einsehen, als ob dieser Partikularismus im eigenen Bewußtsein des Judentums selbst je eine Vorstufe zu einer Ausweitung in dem Sinne hätte sein wollen, daß die Aufhebung dieses Stammes sein Auf gehen in die durch ihn mit der Wahrheit des einen Gottes zu beschenkenden Mitwelt ernsthaft in Betracht kommen konnte. Voraussetzung der jüdischen Frömmigkeit war vielmehr immer die bewußt empfundene Bedingung, daß dieser Stamm erhalten bleibt, die Existenz der Menschen, die vom Erzvater Abraham abstammten, Abkömmlinge des Volkes, das am Berge Sinai die göttliche Stimme gehört und sich so selbst und die spätesten Geschlechter auf den Bund mit Gott vereidet wußte. Wir werden bald zeigen, auf welchem Wege der ethische Universalismus im Judentum zustande kommt, auf keinen Fall auf dem, wie es oberflächlich scheint, nächsten der theoretischen Ableitung aus der abstrakten Idee der Einzigkeit Gottes. Die universal humane Gesinnung war hier keine Frucht des Denkens wie bei den Stoikern oder bei den Philosophen der europäischen Aufklärungszeit, sondern sie quillt aus dem Herzen heraus. Am stärksten aber ward das Gefühl bei den Propheten entzündet; in der unendlichen Hingebung, mit der sie als die Auserkorenen der Kinder Israels, in dem Gotte Israels anfgingen, wuchs dieser Gott in die Unendlichkeit. Aus dem stärksten Gefühl der Exklusivität, aus der bestimmtesten Empfindung durch Gott, den Mächtigsten von allen Mächten, von den übrigen Völkern herausgehoben zu sein, wurde jene einzigartige Innigkeit geboren, welche die Frömmigkeit der Propheten auszeichnet. Diese Intensität der Leidenschaft weitete ihr Ziel — Gott — zur Grenzenlosigkeit aus. Ohne Schranken mußten so Gehorsam, Treue, Dankbarkeit werden, die gegen diesen Gott zu beweisen waren. Der Ernst tiefster Verpflichtung grub sich so in die Seelen der Menschen. Dieser Emst ist der wahre Ursprung aller sittlichen Bewährung. Ergriff er wirklieh die Herzen, dann mußten die Schranken fallen, welche der ■Durchschlagskraft’ der sittlichen Energie ursprünglich zwischen