Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 227 (sequence 3)
- Language
- German
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227 Auf der tiefsten Empfindung dieser Differenz aber beruht das, was im Judentum als der Ursprung seiner Religion erfahren wird. Als dieser Anfang ergibt sich für das Selbstzeugnis seines geschiehtliehen Bewußtseins das Erlebnis eines ganzen Volkes , dem der göttliche Geist, der einzige Gott, in übernatürlicher unirdischer Weise sich offenbart. Jüdisches Religionsgefühl im unverborgenen, keiner Umdeutung unterworfenen Sinne bedeutet den Empfang und die innere Aneignung der Ueberlieferung jenes Erlebnisses aus der Heldenzeit durch die jüdisch geborenen Menschen späterer Geschlechter. Es ist wahr, daß bei dieser geschichtlichen Einstellung alle diejenigen Geschlechter, die nicht der Aera des Stifters und der Propheten angehören, darum auch nicht als Zeitgenossen der klassischen Offenbarung zu ihren Mitempfängern gemacht werden, von dem Erlebnis der unmittelbaren göttlichen Mitteilung als ausgeschlossen erscheinen. Wunder und außerordentliche durch das Eingreifen Gottes ausgelöste Phänomena gelten selbstverständlich auch für die Zeit des nachbiblischen Judentums für so möglich und wahrscheinlich wie für jeden nicht jüdischen Religionskreis. Aber da der Schwerpunkt des religiösen Interesses von Anfang an in den Inhalt des göttlichen Wortes gelegt wird, in die Lehre, das Gesetz des Lebens, und dieser Inhalt sich nicht verändern, sich nicht mehren noch mindern durfte, sein eigentlicher Sinn auch gerade darin steckte, daß er das Dasein, einer ganzen Volksgemeinde leiten sollte, so blieb die Offenbarung der Thora und die Hingebung des gläubigen Herzens an die Ueberlieferung jenes Ereignisses das Zentrum des jüdischen Erlebens. Es ist der Glaube an ein historisches Geschehnis und an seine dauernde Fortwirkung, wie man sie in der praktischen Bewährung der Lehre und ihrer selbstverständlichen Anwendung in allen Wegen des Lebens zu jeder Stunde erfuhr. Diese Haltung des religiösen Geistes ist von Mystik so weit entfernt wie nur möglich. Aber sie hat ebenso wenig Berührung mit der rationalen Gedankenhaftigkeit einer religiösen Welt- Anschauung. Steckt in der mystischen Erleuchtung ein absolut irrationales Moment aus dem Gesichtspunkte des natürlichen Denkens, so möchte man bei dem Judentum von einem geschichtsmetaphysischen Irrationalismus reden, insofern sein Selbstbewußtsein darin wurzelt, daß Gott, der Einige, ihm allein seine besondere Gnade geschenkt hat. Wir meinen, daß \ in dieser Linienführung der Begrenzun g jenes irrationale Moment liegt, das immer unser Augenmerk auf sich zieht. Die Fortwirkung dieser geschichtlichen Zufälligkeit über die klassische Zeit der Offenbarungen hinaus, die Hingebung an den Sinn dieses Tatsächlichen, dessen Konsequenzen den Gehalt der Religiosität dauernd bestimmen, das macht vderen Lebendigkeit aus. Man halte sich klar vor Augen : es ergeben sich grundsätzlich geschiedene Lagen der Selbstbesinnung, wenn christlicher Geist die übernatürliche Offenbarung Gottes in Christo für eine Veranstaltung hält, durch deren gläubige Aneignung die ganze Menschheit zum Heil geleitet wird, oder wenn jüdische Anschauung die Mitteilung der Thora auf Israel begrenzt. In jenem Universalismus liegt ein rationaler Kern dem Zielgedanken nach; 16*