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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1923-01-01 · Heft 6 · p. Seite 226

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
67 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1923-01-01
Page
Seite 226 (sequence 2)
Language
German
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^326;׳ gesenkt, atmen in so ungebrochen natürlicher Selbstverständlichkeit in der Luft der Thora, daß sie nie in ernstlicher Reflexion darauf bedacht sind, ihre eigenen Fundamente zu prüfen. Wohl schärften sie clen Intellekt zu immer tauglicherem Werkzeug, um das, was die Lehre meint, aufs sorgsamste zu zergliedern und zu zerspalten; aber der Geist wird nichf genutzt, um dieser religiösen Wirklichkeit auf den Grund zu gehen, um ihre Prinzipien zu erfassen, sondern allein, um jene Lehre immer besser zu verstehen und zu entfalten, auf der alles Leben, alles für einen Juden allein in Betracht kommende Dasein sich auf baute. So wurde ein ungeheures System errichtet, das nach allen Seiten weithin ausladend, das Universum des um das Göttliche bemühten Geistes und die Fülle seiner Beziehungen zu Welt und Mensch umfaßte. Innerhalb dieses Systems herrschte, wie man wohl sagen darf, strenge Rationalität. Die Logik, und sei es selbst vielfach eine für die besonderen Zwecke der religionsgesetzlichen Ableitung zurechtgezimmerte Methodik, wurde in den Dienst der Erkenntnis des göttliehen Gesetzes gespannt. Aber diese Welt des nach allen Riehtungen hin sich ausbreitenden religiösen Lebenssystems, das in sich, will sagen innerhalb seiner in den Bahnen einsichtiger Rationalität verlief, ruhte auf ganz anders gearteter Basis, auf dem Glauben, daß diese Lehre im Prinzip durch das Wunder der Offenbarung Israel geschenkt sei. Das Verhältnis göttlicher Vernunft zu menschlicher mag ihrem Inhalte nach sein, was es wolle. Der göttliche Offenbarungswille mag prinzipiell dem menschlichen Verstand verstündlich erscheinen. Die wirkliche und echte Basis bleibt aber immer die Wurzelung im Transzendenten, im Wunder, in der Offenbarung. Göttlichkeit in der vollen Bedeutung des Quellens aus dem Jenseitigen, aus dem höchsten Wesen, kam der Thora zu, mochte menschliche Weisheit auch in ihrer Erkenntn i s hoch emporklimmen dürfen. Die wahre Legitimation, die Bestätigung für die Echtheit erhielt diese menschliche Weisheit nur durch den Beweis ihrer Uebereinstimmung mit der von dem Höchsten ausgehenden Belehrung. Der Gedanke dieser Offenbarung, die als eine speziell Israel zuteilgewordene empfunden ward, ist wohl von jener Uroffenbarung zu unterscheiden, die den Kindern Noahs und in ihnen der ganzen Menschheit. geschenkt wird. Diese letztere ist nichts anderes als ein bildlicher Ausdruck der Meinung, daß dem Menschengeist als solchem die Keime der sittlichen Vernunft innewohnen, daß er kraft angeborener Begabung imstande sei, den Ursinn des Moralischen zu erkennen und zu vollführen. Dies ist eine mythologisierende Wendüng für das, was einstmals die Philosophie mit angeborenen Ideen oder mit Aehnlichem charakterisieren sollte. Die Gepflogenheit des Orientalen, der die Entstehung eines Wissens in einer Seele nur durch Einpflanzung von außen her zu begreifen weiß, der eine Lehre ohne einen sie spendenden Lehrer nicht denken kann, hat dieses Bild gemalt. Hier ist von einem bewußt gefühlten Gegensatz zwischen Göttlichem und Menschlichem, zwischen Diesseitigem und Jenseitigem kaum die Rede.

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