Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 225 (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma. Von M. W i e n e r in Stettin• (Fortsetzung) Wie verhält sich nun die historische Erscheinung des Judentums zu den hier charakterisierten erkenntnistheoretischen Grundlagen der Religion? Eigentliche Mystik als in sich abgeschlossene Gestaltung der Frömmigkeit spielt bei ihm eine geringere Rolle als anderwärts. Vielmehr scheint unverkennbar von Anfang an durch den Schwerpunkt, den die im Gehorsam gegen das Gesetz erzogene Frömmigkeit gewann, ein gewisser Rationalismus sich der jüdischen Seele zu bemächtigen. Abneigung gegen mysteriöse Glaubenslehre im Verhältnis zur frommen Bewährung kennzeichnet seit alten Tagen das Bild des Judentums. Wollte man nach den Kriterien suchen, die von seiner Wiege bis zu unserem Jahrhundert die Stetigkeit seiner Geistes- und Empfindungsart, die Einheit seines Lebens zur Anschauung bringen, den Zusammenhang seiner Persönlichkeit mit sich selber sichernd, so wird geradezu seine helle, klare, dem einsichtigen Denken zugewandte, allem mystischen Dunkel und Halbdunkel abholde Seele als ein die Jahrtausende überdauernder Besitz aufzuzeichnen sein. Das kann hier nicht im einzelnen gezeigt werden, ist wohl auch nicht nötig, weil niemand es mit ernsten historischen Gründen bestreiten wird. Nur der Ausgang und der vorläufige Abschluß dieser Entwicklung sei hier gestreift. Die Fülle der Hinweise, die man in der Thora, besonders im Deuteronomium, über die Weisheit und Vernünftigkeit, die einleuchtende Kraft der Gesetze liest, eine Betrachtung, der nichts ferner liegt als diktatorischer Zwang zu Gehorsam gegen den souveränen Willen des allmächtigen Gottes, hat hier an der Quelle der jüdischen Existenz schon jene klare Atmosphäre erzeugt, die das ganze spätere. Judentum einhüllt. Wenn Israel die Gebote seines Gottes treu beobachten würde, — diese herrlichen, weisheitsvollen, wahrhaft lebenfördernden -־־- dann werde sich der anderen Völker Bewunderung vor dieser Nation bemächtigen. Eindeutig und überzeugend seien die Grundlagen des Bundes, der den Heiligen mit Israel verknüpft : der einigeinzige Gott, Schöpfer Himmels und der Erde, und sein Volk, dem er köstliche Wohltaten erwiesen, und von dem er unverbrüchliche Bewährung seines Wüllens verlangt, des Wüllens, der in den, einem verständigen Gemüt wohl eingehenden Geboten sich offenbart. Dazu das vor aller Augen stattgehabte Ereignis am Berge Sinai. Kann es etwas geben, was Geist und Herz mehr zu zwingen vermag* als die Erfahrung, die dieses Volk mit dem lebendigen Gott gemacht? Diese Fundamente schienen der ganzen folgenden Zeit so sicher und unzerbrechlich, daß die menschliche Vernunft kaum eine Veranlassung hatte, sie in Zweifel zu ziehen. Der Hauptstrom des jüdischen Geistes hat sich im Talmudismus und Rabbinismus ergossen. Diese sind in den Grundlagen des prak״ tischen Religionslebens, wie das Gesetz sie auf führte, so tief ein־־ Monatsschrift, 67. Jahrgang 16