Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 212 (sequence 3)
- Language
- German
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dääSchicksal »,der beiden Rassen“ liege. ״Die sephardische Aussprache mit ihrem ^orwiegen des a־Laütes ist ein stolzes, tönendes Dur, dieaschkehäsischo mit dem Vorwiegen des odLautes ein dumpfes leidendes zuweilen klagendes Moll.“ Das mag, ästhetisch gewertet, ganz richtig sein, aber weitergehend einen Zusammenhang zwischen der Aussprache des Hebräischen und dem Schicksal der Juden zu finden, vermag ich nicht. Die ״stolze“ Aussprache der spanischen Juden stammt nicht erst aus der Zeit ihres Glückes, die ״dumpfe“ der deutschen nicht erst aus ihrer Leidenszeit, die erstere ■ erinnert an das Arabische, die letztere an das Syrische. Bei nüchterner Betrachtung der Dinge scheint auch G.’s Urteil über den Rhythmus des ״jiddischen Jargon“, wie er heute von den Ostjuden gesprochen wird, sehr fragwürdig. ״Wo sich dieser in sich beruhende Rhythmus unter gleichzeitigem Zurücktreten der hebräischen Bestandteile in den singenden Tonfall der Selbstironie verwandelt, kündet sich die innere Unsicherheit und das Bewußtwerden der eigenen Ent״ wurzelung.“ Wer den ״jiddischen‘6 (welch’ entsetzliche Bezeichnung des Jüdischdeutschenl) Jargon ummodelt oder gar aufzugeben sich bemüht, zeigt damit ganz gewiß eine Unsicherheit seiner Aussprache, und auch, daß eine Entwurzelung des Jüdischdeutschen behufs Einpflanzung einer anderen Klütursprache ihm ein Fortschritt, ein Gewinn scheint. Aber er verrät damit keineswegs eine innere Unsicherheit oder gar eine ihm zum Bewußtsein ge״ kommene Entwurzelung des jüdischen Gefühls. Was G. ״die Tragik des Marranenschicksals“ nennt (XXV, 27), ist allerdings bei Uriel da Costa und anderen eingetreten. Es war ihnen bei ihrer wissenschaftlichen Vorbildung und nachdem sie seit mindestens drei Generationen von jüdischer Religionslehre und Religionsübung losgelöst waren, unmöglich, traditionsgläubige Juden zu werden. Doch war es nur eine kleine Minderzahl, die der innere Konflikt in eine Kampfstellung gegen das Judentum brachte oder gar aus dem Judentum wieder herausdrängte. Diese Spaltung des Bewußtseins hei manchen Marranen brauchte nicht einmal mit ihrer Abstammung im ursäch״ liehen Zusammenhang zu stehen. Das hat auch Orobio de Castro richtig gesehen und in seinem von G. zuerst (XX, 4—XXI, 5) abgedruckten Schreiben jclar auseinandergesetzt, wie die wissenschaftliche Schulung und besondere (Seistesverfassung mancher eingewanderten Marranen es mit sich brachte, daß ihre geistige Einstellung zum Judentum schon von Anfang an ihrer jüdischen Gläubigkeit nicht förderlich, sondern höchst abträglich war. Nicht nur Marranen, sondern auch andere Juden haben, seitdem sie mit neuzeitlicher Bildung und Wissenschaftlichkeit in Verbindung traten, den Konflikt zwischen weltlichem Wissen und jüdisch-traditionellem Glauben in sich verspürt und entweder , mit gespaltenem Bewußtsein und einer oberflächlichen Synthese als Halbnaturen sich beruhigt, oder durch Zweifel zu einer festen Anschauung sich durchgerungen, die einen im Sinne der jüdisch-traditionellen Frömmigköit, die andern nach der Richtung eines Deismus oder des Atheismus. Im XVII. Jahrh. aber waren derartige Konflikte nicht nur mit seelischen Kämpfen und Aufregungen verbunden, sondern unter Umständen — und darin lag die Tragik — mit großen Gefahren für diejenigen, die ihre ehrliche Ueberzeügung. trotzdem sie mit dem herrschenden Kirchen- oder Synagogenglauben im ,Widerspruche stand, ungescheut mit Eifer zu verfechten und zu verbreiten wagten, wie da Costa es getan hat. Auch im freien Holland wurden damals Männer, die mit ketzerischen Ansichten offen hervortraten, aufs ärgste ver״ folgt und aufs schwerste bestraft. Jüdische wie christliche Unduldsamkeit konnte sich hierin nicht genug tun, wie Limborch in einem Brief an.Graß- Winkel vom Jahre 1662 auseinandersetzt (201, 6 ff.). Nicht daran also ist Uriel da Costa zu Grunde gegangen, weil er als Marräne nicht mehr Jude werden konnte (XXXIII, 21 ff.), er fiel nicht ״als Opfer des Irrtums seines Volkes, das da wähnte, vom Katholizismus ins Judentum zurückkehren zu können, äis Vob die Geschichte eines Jahrhunderts nichts gewesen wäre“, sondern er wurde das Opfer der religiösen Unduldsamkeit seiner Stammesgenossen, die nät ihm ähnlich verfuhren, wie ihre Vorfahren* die Marranen in Spanien und Portugal es als Christen an sich selbst erlebt und erlitten hatten und wie es auch in ihrer nicht jüdischen Umgebung mit Ketzern zu geschehen pflegte, idvman dadurch die überkommene Rechtgläubigkeit aufs wirksamste zu schützen und ziistärken wähnte. Auch Spinoza wäre ein Opfer des Fanatismus gpwprdehjiwenn er es nichtvorgezögep hätte, niit seinem Gläufeeii allein zu bleiben.