Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1923-01-01 · Heft 5 · p. Seite 211

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
67 (1923)
Issue
Heft 5
Article
[Rezension]
Date
1923-01-01
Page
Seite 211 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2829132-2829915-2829919-2831867--45412-2831944
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

211 1>ot sich nun den versprengten, vom Judentum der eigenen Tradition gelösten westlichen Juden, den Amsterdamer Sephardim als der wahre mythische Kern des Judentums. In der Psyche der Marranen stand die Wissenschaft ״gegen die Tradition, die Philosophie gegen die Kabbala. In diesem doppelten inneren Konflikt sieht Gr. die Tragik des MarranenschicksaLs. Der Glaube, wieder Juden werden zu können, mußte sich als Illusion erweisen. Die Reiigipsität, die: vor ihnen stand, die kabbalistisch gefärbte Religion der Aschkenasim, aus anderer Geistigkeit, anderen geschichtlichen Zusammenhängen erwachsen, ließ sie nicht zu sich kommen. Und so sind schließlich die Amsterdamer Sephardim als Volk in belangloser Aschkenasierung untergegangen. Nur wenige fanden eigenen Weg. ״Das edelste Opfer des Versuchs, das ge- ,schichtlich Vergangene zu zweiter Gegenwart zu zwingen, wurde Uriei da Costa“ (XXVI, 13 ff.). Die geistvollen Ausführungen G.’s über den Marranen zweifei und das Marranenschicksal scheinen mir allerdings sowohl in Einzelheiten als auch in ihrer Allgemeinheit nicht ganz einwandfrei. Es gibt keine Kluft zwischen dem Judentum des XVII. Jahrh. in Amsterdam und dem des XV. Jahrh. in Spanien. Die Kabbala ist auch nicht erst von Deutschland ins Judentum eingedrungen, sondern hat bereits in Spanien seit dem XIII. Jahrh. selbst große Geister wie z. B. Nachmanides beherrscht. Die Luriänische Mystik des XVI. Jahrh. ist nicht durch deutsche und polnische, sondern durch türkische Juden, meist Nachkommen von Sephardim, zur Herrschaft gelangt. Von einer Aschkenasierung der Amsterdamer Sephardim durch ihren ersten Religionslehrer, Moses Uri Levi, kann nicht die Rede sein. Die Rabbiner der Amsterdamer Gemeinde waren von Anfang an aus der sephardischen Diaspora geholt. Von ״der Religiosität der östlichen Juden“ des XVII. Jahrh. so zu sprechen, als ob das Schlagwort vom rückständigen Ostjuden schon damals in Kraft gewesen wäre, scheint mir nicht angängig. Denn das Judentum selbst der polnischen Juden von damals unterschied sich weder im Inhalt der Lehre noch in den Formen der Reiigionsübung wesentlich von dem der früheren ״spanischen Juden. Nur in der Aussprache des Hebräischen und in den.göttesdienstlichen Gebeten und Bräuchen gingen Sephardim und Aschkenasim auseinander. In diesen beiden Punkten aber sind die Amsterdamer; Juden von Anfang an und weiter trotz ihres aschkenasischen Lehrers ihrer sephardischen Ueberlieferung treu geblieben. Auch darin, daß die Amsterdamer Rabbiner .sich zuweilen mit ihren Anfragen an polnische Rabbiner gewandt haben', liegt noch kein Zeichen einer fortschreitenden Aschkenasierung. Denn als unbestritten größte Autoritäten der jüdischen Religionslehre galten eben •schön seit dem letzten Drittel des XVI. Jahrh. polnische Rabbiner, zu deren Talmudschulen Jünger aus allen Ständen, darunter auch Sephardim aus Italien hinströmten. Schon darum meine ich der Behauptung G.’s von einer ״belangt losen Aschkenasierung“ widersprechen zu dürfen, in der die Amsterdamer Sephardim als Volk untergegangen sein sollen (XXVI, 8 ff.). Wohl haben die Nachkommen der Marranen sowohl in Amsterdam als auch in Hamburg und anderswo sich mit der Zeit der aschkenasischen Majorität ihrer jüdischen Umgebung angeglichen und mit ihr sich vermischt, zumeist sogar auch die aschkenasische Aussprache des Hebräischen angenommen. Aber sind die Marranen ״als Juden damit etwa uritergegangen? Gewi ß ist ein kleiner Teil von ihnen im Laufe der Jahrhunderte abgebröckelt und zur christlichen Kirche zurückgekehrt, auch ein Teil der aschkenasischen Juden hat den Weg zur christlichen Kirche :genommen. Möglich, daß ein größerer Prozentsatz von ersteren als von letzteren dem Judentum den Rücken gekehrt hat, möglich darum, weil vielleicht manche Marranen aus Scheinchristen nur Halbjuden geworden waren, ihre, Rückkehr zum Christentum daher keine innere Entwurzelung zu bedeuten brauchte. Möglich wohl, aber unwahrscheinlich und vor allem unbewiesen. Was für Bewandtnis hat es also mit dem von G.. behaupteten Untergange der Marranen? Ihre Nachkommen mit den alten spanischen und portugiesischen Familiennamen sind heute noch Juden, ob auch seit 1% Jahrhunderten nicht mehr reine Sephardim, sondern mit aschkenasischen und anderen östlichen Juden im Blute vermischt. Die Sephardim als Juden sind auch nicht dadurch untergegangen, daß sie die spanische Aussprache des Hebräischen aufgegeben haben. Es scheint mir eine stark subjektive, durch nichts begründete Behauptung G.’s (Anm. zu XVII, 32), daß in der Verschiedenheit der Aussprache

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.