Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 210 (sequence 1)
- Language
- German
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Besprechungen Gebliardt, €arl: Die Schriften des Uriel da Costa mit Einleitung, Üebertragung und Regesten (Bibliotheca Spinozana Curis Societatis Spinozanae, T. II). Amsterdam, Heidelberg, London 1922. 4°. XL« und 268 S. Außerordentlicher Sammelfleiß, der nicht nur nichts Einschlägiges übersehen, sondern auch manches Neue und Wertvolle entdeckt hat, ümfassendes Wissen, ein dringendes Forschen und stoffbeherrschendes Können, gepaart mit kritischer Gewissenhaftigkeit und Besonnenheit haben uns im vorliegenden zweiten Bande der von der Spinoza-Gesellschaft herausgegebenen Bibliotheca Spinozana ein, vortreffliches Buch beschert, das den Höhepunkt *der da Costa-Forschung bezeichnet und alle seine Vorgänger weit hinter sich zurückläßt. Ueber diesen Gipfel hinaus wird es schwerlich noch ein Fortschreiten geben, es wäre denn, daß, waß kaum zu erwarten ist, neue Funde uns eine ungeahnte Bereicherung der Literatur über da Costa brächten. Aber auch dann wäre nichts Wesentliches seiner Lehensgeschichte und seinem Lehensbilde hinzuzufügen und sicher nichts daran zu ändern, selbst wenn sein verloren gegangenes, der Vernichtung anheimgefallenes Hauptwerk, die Schrift gegen die pharisäischen Traditionen plötzlich wieder auf tauchte. Denn wir wissen nunmehr genau, was in diesem 1623 in Amsterdam erschienenen Buche ge- •standen hat. Ein Teil davon ist nämlich — was Gebhardt entdeckt hat — in der äußerst seltenen (nur in vier Exemplaren vorhandenen) Gegenschrift des Semuel da Silva uns erhalten, drei Kapitel von da Costa mit Argumenten für die Sterblichkeit der Seele sind bei da Silva nicht etwa nur auszüglich wiedergegeben, sondern unverkürzt und unverändert wörtlich zu finden. Der andere Teil der ketzerischen Schrift aber, der gegen die pharisäischen ^Traditionen, ist in den Hauptpunkten wenigstens uns bereits bekannt, da wir die Thesen da Gostas hierüber besitzen und seine Stellung zur sog. münd- 'liehen Lehre sowohl aus den gegen ihn verfaßten Schriften als auch aus seiner Selbstbiographie deutlich genug hervorgeht. Der Hauptwert des Gehhardt’schen Buches liegt vor allem in der restr losen Zusammenstellung und Veröffentlichung dessen, was da Costa geschrieben hat oder was auf ihn als Verfasser zurückgeht, und in der erschöpfenden Auffindung und Mitteilung sämtlicher auf da Costas Leben, Wirken und Leiden bezüglicher Regesten, wobei alle zeitgenössischen Quellenwerke benutzt, alle urkundlichen Dokumente nicht nur in der Ursprache herangezogen (ein m a 1 nur ist es ein deutscher Text), sondern auch in deutscher Uebersetzung genau wiedergegeben sind, ein großer Vorzug des Buches, besonders für diejenigen, denen die Kenntnis des Hebräischen, Portugiesischen, Holländischen abgeht. Auch , die umfangreiche Literatur über da Costa ist mit erschöpfender Gründlichkeit in einem besonderen Kapitel, das an der Spitze der Anmerkungen steht, kurz besprochen worden: Die Einleitung (p. VII—XL) behandelt das Thema: Da Costa und das Marranenproblem. G. sucht nachzuweisen, daß dem Geschick da Costas eine weit größere Bedeutung beizumessen ist als die eines tiefergreifenden Menschen- Schicksals. In da Costa vollziehe sich das Geschick eines Volkes und da Gostas Weg führe zu einem Ziele. Dieses Volk sind die Marranen, das Ziel ist die Philosophie Spinozas. G. erzählt ausführlich die Geschichte der Gründung der sephardisehen Gemeinde in Amsterdam, daß die Marranen ohne die geringste jüdische Traditiofi, Juden nur durch das Bewußtsein ihrer jüdischen Abstammung nach Holland kamen, und daß sie sich an einen deutschen Juden . wandten, um sich von ihm religiös belehren und in die jüdische Tradition ’emführen zu lassen. Der frühere Katholik ohne Glauben und jetzige Jude . ohne Wissen, doch Jude im Willen stand zwischen zwei Welten. ,,In seinem Bewußtsein war Katholizismus und Judentum, unvereint und unvereinbar, und in diesem inneren Kampfe war sein Bewußtsein gespalten46 (XXII, 15 ff.). Die nach Holland eingewanderten Sephardim brachten die Weltlichkeit und Wissenschaftlichkeit der Renaissance mit sich. Das Judentum aber, das sich ihnen darbot, war nicht mehr das von der Philosophie bestimmte Judentum, das ihre Vorfahren als Erbe der großen Zeit des maimonidischen Rationalismus . besessen hatten (XXIII, 11 ff.). Die Kabbala, die.in der Religiosität der östliehen Juden, der Aschkenasim zu fast unbestrittener Herrschaft gelangte,