Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 165 (sequence 13)
- Language
- German
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■;7 ■י-P/; 165 nur im Diesseitigen entladen. Von dieser Tatsache macht selbst die Mystik keine grundsätzliche Ausnahme. Aber es ist doch von höchster Bedeutsamkeit lind für die Erkenntnis der religiösen Tat- Sachen von ausschlaggebendem Werte, wenn in dem Ineinander von Irdischem und Ueberirdischem die Prävalenz und richtunggebende Kraft des Elementes der Transzendenz gebührend betont wird. Und das ist um so notwendiger, als die häufige Vereinerleiung der Religion mit Weltanschauung sehr oft in eine angeblich von ihr zu erwartende Welterklärung hinüberfließt, womit eine Grenze zwischen ihr und dem natürlichen Denken, wie es sich in wissenschaftlicher Erkenntnis darlegt, verwischt wird. An diesem Hinübergleiten auf ein falsches Geleise trägt offenbar die Hauptverantwortung der Ausbau zu einem dogmatischen Gebilde. Worunter wir hier nicht einen festgelegten Glaubenssatz im Sinne der durch kirchliche Autoritäi gedeckten christlichen Lehrmeinungen verstehen, sondern allgemeiner den Anspruch, daß gewisse, auf religiöse Dinge sich beziehende Urteile Wahrheiten im logisch wissenschaftlichen Sinne bedeuten sollen. An der Geschichte der christlichen Dogmenlehre kann man ermessen, von welcher Bedeutung die Methode und die zufälligen Formulierungen spekulativer Theoreme, wie sie gerade der Stand der griechischen Philosophie darbot, für den Aufbau der orthodoxen Bekenntnisse geworden sind. Auch die jüdische Theologie, soweit sie als mittelalterliche Scholastik den Versuch einer philosophischen Erfassung und Umgrenzung der überkommenen religiösen Anschauungen aufgenommen hat, ist denselben Weg gewandelt. Sie suchte das Judentum darzustellen als die richtige, die wissens c h a f t - lieh haltbare Lehre von Gott und seinen Beziehungen zu Welt und, Menschheit. Religion wurde ihr so ganz wesentlich Erkenntnis. Gerade das Judentum war freilich der Gefahr einer solchen Umbiegung des Ursinnes des Religiösen und einer relativen Nivellierung mit der Sphäre natürlichen Geisteslebens am leichtesten ausgesetzt, da es so oft im Zusammenprall mit anderen Kulturkreisen und religiösen Gruppen sein Recht auf Sonderexistenz und seine Wahrheit zu verteidigen hatte. Die Religionsphilosophie des Mittelalters ist aus dem praktischen Bedürfnis heraus entstanden, die Richtigkeit des jüdischen Glaubens gegen die Einwendungen der wissenschaftlichen Philosophie und gegen die anderen großen Bekenntnisse, vor allem gegen den Islam, zu sichern. Als im 19. Jahrhundert das emanzipierte' Judentum von Mittel- und Westeuropa sich neu einzurichten begann, sich in die sozialen Gebilde seiner Umgebung mehr und mehr auflöste, den europäischen Geist mit seinen verschiedenen nationalen Tönungen in sich aufnahm und so mit der Weltkultur verschmolz, da war es vor die Notwendigkeit gestellt, vor sich und vor den anderen ein deutliches Bekenntnis, von dem, als was es sich selbst eigentlich erlebte, abzulegen. Es hatte Recht, diese seine Eigenart als eine religiöse zu bestimmen. Das war aber gerade im Falle des Judentums eine Allgemeinheit vagster Art. Denn wenn sich herausstellte, daß im Kerngehalt jüdischen Religionslebens vor allem die Ueberzeugung von der göttlichen Auserwähltheit des jüdischen Stammes mächtig, daß das Subjekt der Frömmigkeit recht eigentlich die ganze Ge-