Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 12)
- Language
- German
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die ja ausnahmslos die Berührung mit dem Göttlichen als ein Ergriffenja Vergewaltigtwerden empfunden haben, ist ja allbekannt. Und die Religiosität des Durchschnittsmenschen nimmt — ganz abgesehen von der positiven Gläubigkeit, mit der die Seele des Bekenners die klassischen Offenbarungen aus der Geburtsstunde, der Stiftung seiner Religion zu ergreifen und sich zu eigen zu machen sucht, — in den unmittelbar wirksamen Stimmungen der Ehrfurcht und des heiligen Schauers vor dem göttlichen Geheimnis mit abgestufter Lebendigkeit daran teil. So leitet uns das Selbstbewußtsein der Frömmigkeit zu dem gleichen Ergebnis, zu welchem die Zergliederung des Begriffs der wissenschaftlichen Erkenntnis führt, ohne die Erfahrung der Realität und Wirksamkeit eines Göttlichen, das ewig ein unnennbar Kamenloses bleibt, ein Jenseitiges, das sich in keine erkenntnismäßig zu erklärenden Beziehungen mit der irdischen Sphäre verflicht, gibt es kein Selbstgefühl des Religiösen. Darum fällt, auf diesen Zentralpunkt hingesehen, alles aus seinem Kreise heraus, was Weltanschauung, Doktrin, Dogma, Wissenschaftliehe Begründung sein will. Der Dualismus in dem Auseinander von gedanklicher und wesenhaft religiöser Sphäre kann nicht überbrückt werden. Freilich reißt immer und immer wieder der Intellekt, das Bedürfnis nach einer Monopolstellung der Vernunft, die Herrschaft an sich. Es ist eine natürliche, nie auszumerzende Strebung des menschlichen Geistes, die Totalität des Seienden zu vereinheitlichen; und im Verfolge dieser Tendenz wird das Göttliche, von dem sich das fromme Bewußtsein wie aus transzendentem Bereich berührt findet, dem metaphysischen Begriff des Absoluten einsgesetzt. Darauf soll dann das vollständige Gebäude des Universums errichtet werden. Dieser Schritt scheint unvermeidlich zu sein, und jede Religion ist ihn gegangen. Aber man muß sich immer vor Augen halten, daß in dieser Vereinheitlichung lediglich die Natur des Denkens, das Bedürfnis nach wissenschaftlicher Linienführung am Werke ist, und daß in solcher Objektivierung der eigentliche Sinn der religiösen Grundkraft verdunkelt wird. Denn ein bewiesener Gott ist kein Gott. Das ist nicht bloß in dem auf der Hand liegenden Sinne zu verstehen, daß die Erkenntnis einer ,,Gottesidee“ und theologische Metaphysik nicht die Frömmigkeit ersetzen können, daß man sich also den demonstrierten Gott erst durch das Gefühl vertraut machen soll, ehe gläubige Hingabe an ihn möglich ist, sondern es bedeutet, daß für das eigentliche religiöse Bewußtsein gar nichts Gemeinsames zwischen den beiden Sphären besteht. Auf diesen Sachverhalt muß die Würdigung der xeligionsgeschichtlichen Erscheinungen aufs Genaueste achten, um aus dem, was empirisch nur immer als ein Komplex kernhaft religiöser und geistig natürlicher Elemente gegeben sein kann, jene ersteren herauszuheben, deren Vorwalten allein die Religion als einzigartigen Seinsbereich von dem Gebiet irdisch immanenten Erlebens ausscheidet. Denn freilich bleibt der Mensch immer mit Denken, Fühlen und Wollen dem Reiche natürlichen Weltseins verhaftet, und die Wucht und Wirkungskraft des Jenseitigen, das er im Bewußtsein der Berührung durch das Göttliche erlebt, kann sich