Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 8)
- Language
- German
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Religionen gründen sich auf das Faktum wunderbarer Erleuchtungen, deren ihre Stifter von der Gottheit teilhaftig wurden. Das Gefühl des Außerordentlichen, des Uebernatürlichen, des Wunderbaren wuchs offenbar im Laufe der geistigen Entwickelung, je mehr diese dazu gelangte, den Gehalt der Wirklichkeit als ein Universum zu begreifen, das, den einsichtigen Regeln des erkennenden Bewußtseins gefügig, in ״natürlichen“ Bahnen abrollte. Erst am Selbstbewußtsein der Erkenntnis bildete sich dasjenige des Wunderglaubens aus, und die orthodoxen Systeme tragen sich deutlich erst in den Untergrund ein, den autonome Vernunft und Wissenschaftliehe Erfahrung bereitgestellt haben. Aber man darf die Bedeutung der geschichtlichen Entwicklung für das klare Bewußtwerden des Wundergedankens nicht überspannen. Die Zwiespältigkeit des Seins in einem gewöhnlichen und einem außerordentlichen Sinne wird * schon im Alten und Neuen Testament lebhaft verspürt, und der Einbruch des unmittelbar Göttlichen in die gewohnte Sphäre des Erlebens mit dem Schauer des Unbegreiflichen und darum Unanzweifelbaren begrüßt. Obwohl nun zwar bis zum heutigen Tage das Wunder als eine gegenwärtige Erscheinung wenigstens von dem katholischen Glauben nicht ausgeschlossen wird, liegt eine klassische Bedeutung für das Christentum nicht weniger als für das Judentum anderswo, nämlieh in dem Bestreben der traditionalistisch gebundenen Kirchen und religiösen Gemeinschaften, die Wahrheit von Lehre und Gesetz in eine Autorität einzusenken, die grundsätzlich dem Zugriff kritischer Vernunft entzogen sein soll. Am Anfang steht die Offenbarung, das Wunder schlechthin, als der Ausgang einer bis zu diesem Geschlecht von Gläubigen sich hinziehenden Ueberlieferungskette, die in ihren Gliedern, wie vorausgesetzt, sorgsam kontrolliert, die gegenwärtig Lebenden an jedem Urwunder teilnehmen läßt. Sichtbar ist hier die Schwierigkeit vom Metaphysischen ins H is torische übersetzt. Und wir beobachten das dem menscliliehen Bewußtsein unausrottbare Trachten zu rationaler Vereinheitlichung seines gesamten Erlebens, die aber eben dem tiefsten; Sinn der Offenbarung widerspricht. Sie gilt hier als Faktum unter anderen Fakten, als eine mit den Mitteln der Beobachtung, der Erinnerung und glaubwürdigen Ueberlieferung fortzupflanzenden Tatsache. Menschen, die zu irgend einer Zeit gelebt, haben das wunderbare Gotteswort am Berge Siiiai mit eigenen Ohren gehört, mit körperlichen Augen von Angesicht zu Angesicht das von Gott eigens zur Beglaubigung seiner persönlichen Anwesenheit geschaffene himmlische Licht und Feuer gesehen. Hunderttausende Zeugen sind es gewesen, meint Jehuda Halevi. Nicht in der Verborgenheit und unbewachbaren Einsamkeit der einsiedlerischen Zelle war es, daß Gott durch einen erleuchteten Propheten das Volk Israel zu seinem Dienste erkor, sondern vor der Oeffentlichkeit, vor allen seinen damals lebenden Kindern hat sich das Wunder gezeigt. Indem hier das Wunder, das übernatürliche, in die vom Außerordentlichen entblößte natürliche Erscheinungswelt hineingestellt wird, vernichtet es seinen eigenen Sinn; denn die Tatsächlichkeit, •die ihm zugeschrieben wird, die nur mit den Mitteln der sonst Tat-