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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1923-01-01 · Heft 5 · p. Seite 158

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
67 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1923-01-01
Page
Seite 158 (sequence 6)
Language
German
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י.■־/*■.:'.; י;;:■ 158 können ohne die stärkste Betonung von der Unentbehrlichkeit des Glaubens an die jungfräuliche Gottesgebärerin und Himmelskönigin? Diese Hervorkehrung des Weltanschaulichen in der Religion bedeutet ihre Unterstellung unter den Wahrheitsbegriff der Wissenschaft. Die Einzigkeit der Wahrheit bedeutet dann die Einzigkeit der Frömmigkeit. Es ist nicht nötig, an den tausendjährigen Kampf zwischen der Kirche und der Wissenschaft zu erinnern, indem es sich um die Durchsetzung der ״riehtigen“, durch die Offenbarung gewährleisteten Erkenntnis handelte, an die ausdrückliche Ablehnung des Begriffes einer zwiefachen Wahrheit bezeichnenderweise seitens der Kirche, an den folgerichtigen Anspruch jeder Art von kirchenmäßig organisiertem Christentum — bei den Sekten steht es vielfach anders — den allein seligmachenden Glauben zu besitzen, an die daraus sich ergebende Propagierung der eigenen Lehre, die den ernsthaften Versuch macht, zur Alleingeltung in der Welt fortzuschreiten. Ist aber mit dieser Charakterisierung als Weltanschauung, die für das Christentum nicht zu vermeiden ist, das Wesen der religiösen Idee, die Natur der religiösen Wahrheit getroffen? Wir glauben, daß hier eine der merkwürdigsten Verwicklungen vorliegt, welche die Entfaltung des menschlichen Geistes kennt. Was da gemeint ist, wird uns deutlich, wenn wir der Zwiespältigkeit des Begriffs Offenbarung nachgehen. Bei aller Vieldeutigkeit, die sich aus der langen Geschichte dieses Gedankens ergibt, sind doch gewisse feste Umrisse in seinem Sinne zu erkennen. Die Offenbarung will eine Erkenntnis spenden, die unmittelbar von göttlicher Quelle fließend, dem Menschen ein ihm sonst unzugängliches Wissen erschließt. Sie will — und das tritt in der literarisch gewordenen Offenbarung von heiligen Büchern und den in diesen enthaltenen Meinungen und Lehren über alle möglichen Gegenstände, heilige und unheilige, zu Tage — als Richtschnur des menschlichen Lebens durch Erleuchtung den Weg zum Heil weisen, indem sie uns über Gottes Willen; über sein Vorhaben mit der Welt und den daraus sich ergebenden praktischen Gedanken, über die eigene Daseinsgestaltung belehrt. Hier ist das religiöse Interesse vornehmlich auf ihren Inhalt gekehrt. Als selbstverständlich wird hingenommen oder gar nicht darüber reflektiert, daß das natürliche Licht von einem übernatürlichen überstrahlt wird, und da die Früchte der einen wie der anderen Erkenntnis in dem einen Dasein zu gemeinsamer Aus- Wirkung und Beeinflussung sich vereinen, da die Laufbahn des durch natürliche wie durch erleuchtete Eingebungen gelenkten Menschen einheitlich ist, muß notwendig in der praktischen Bewährung eine gewisse Nivellierung eintreten. Das ist überall da der Fall, wo aus dem Gehalt der aus Gott erschlossenen Weisheit die Richtschnur der sittlichen Lebensführung gewonnen wird. Gewiß wird im systematischen Ausbau der Sittenlehre zwischen den göttlich inspirierten und den aus natürlicher Erkenntnis geschöpften Pflichten geschieden, aber da die einen wie die anderen ein und denselben Willen bestimmen sollen, da der Schauplatz ihrer Verwirklichung, das Feld der menschliehen Betätigung, ungeteilt ist, so ergibt sich im Effekt, daß sie sich auf einer Ebene ausbreiten. Diesen Sachverhalt sucht auch die reli-

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