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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1923-01-01 · Heft 5 · p. Seite 157

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
67 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1923-01-01
Page
Seite 157 (sequence 5)
Language
German
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157 < י..־■. ihres geschichtlichen Inhalts/ das Dogmatische eben, nicht die Konkurrenz der freien voraussetzungslosen Wissenschaft oder was man dafür hält, auszuhalten vermag. Die weltliche Wissenschaft überwindet die aus den Quellen־ der Offenbarung gespeiste, und das Ende ist das Nichts. Das Christentum ist über dem Dogma errichtet worden. Indem der Glaube an seine Wahrheit, das rechte Bekenntnis, zum Kriterium des echten Christen wurde, ist diese Begriffsbestimmung in die religionsgeschichtliche Beurteilung eingegangen, und indem die religiöse Wahrheit von der theoretischen Erkenntnis her das Merkmal der Ausschließlichkeit und Einzigkeit, den Anspruch auf Alleinherrschaft in sich aufnahm, wie jede Weltanschauung es tut und tun muß, da sie in der wesenhaften Intoleranz der Vernunft gegründet ist, wurde Katholizität im Sinne der Alleinberechtigung und Monopolstellung in der Ge- Wissensbeherrschung zu ihrer anerkannten Natur. Will sich die wissenschaftliche Würdigung der religiösen Erscheinungen von den sie beirrenden Konsequenzen dieser christlichen Weltreligionsidee frei machen, so muß sie den Intellektualism u s durchschauen, in den sich das Christentum von Haus aus durch seinen dogmatischen Aufbau unausrottbar verstrickt hat. In seinem Ursprung steht ein Gedankliches, die verwickelte theologische Gnadenlehre. Wohl konnte diese zum Ausgang für eine weiche Gefühls- und Erlebniswelt werden und wurde es ja auch. Aber die Theologie, also die Wissenschaft, die Exklusivität theoretischen Wahrheitsanspruches, blieb dauernd die Kontrollinstanz des religiösen Lebens. Die Erkenntnis war immer, mochte sie auch zu Zeiten in den Schatten, treten, das Primäre, an dem die Zulässigkeit allzuwild wuchernder frommer Empfindungen und Betätigungen gemessen ward, die Macht, die, ausgerüstet mit der Autorität göttlicher Offenbarungsweisheit, das Gefühl zu meistern hatte, wenn es seine Schranken überschritt. Aber dieses Gefühl selbst ist durch den vorstellungshaften, gedanklichen Aufriß der religiösen Weltanschauung, wie er in die Formeln der Dogmen gegossen ist, von vornherein in seiner Richtung bestimmt und in ein festes Rahmenwerk gepreßt. Wenn Schleiermacher, der Vorkämpfer eines antiintellektualistischen ,,lebendigen“ Christentums, sich müht, die Glaubenssätze als die Niederschläge der Reflexion zu betrachten, die auf das Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit von Gott gerichtet, die verschiedenen Seiten dieses religiösen Grunderlebnisses als gedankenhafte Setzungen herausstellen, so liegt doch auf der Hand, daß ohne bestimmte dogmengeschichtliche Entwicklung dieses christliche Leben und Empfinden unerklärlich wäre, und daß die Verschlingungen und Komplikationen eines angeblich reinen Gefühles den verwickelten Weg der begrifflichen Bewegung des Dogmas, zur Voraussetzung haben. Noch deutlicher tritt das wahre Verhältnis zwischen Gedanke und Gefühl in einem dogmatisch gefestigten Glauben dann hervor, wenn das Empfindungsleben in der vollen Glut unverkennbarer Natürlichkeit sich verströmt. Die katholische Marien- und Christusmystik war in gewissen klösterliehen Kreisen des Mittelalters ein echtes und wahres, unmittelbar gegenwärtiges frommes Erleben. Wie aber hätte es sich entfachen

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