Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 156 (sequence 4)
- Language
- German
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Die Dinge liegen also viel verwickelter als die naive Disjunktion ״Religion oder Nation“ es annehmen möchte. Und wir werden am besten tun, uns mit der Erfahrung zu bescheiden, d. h. das Judentum als einen Stamm anzusehen, dessen Bewußtsein von sich selbst klar nur weiß, daß es eine durch gemeinsames religiöses Erlebnis geeinte Gemeinschaft von Menschen ist. Damit kommen wir zur Erledigung dessen, was im ersten Satz berührt war: Daß Völker nebeneinander bestehen können, das ist klar. Gibt es aber auch ein Recht der Koexistenz von Religionen? Die Fabel von den drei Ringen in Ehren. Aber sie hat doch bloß einen Sinn für denjenigen, der keinen Ring besitzt und mit mildem Lächeln den Streit von außen her beobachtet. Wer* mittendrin steht, kann nicht glauben, daß der echte Ring verloren ging, wenn nicht sein unechter ihm wertlos werden soll. Unbildlich gesprochen: Der Religion muß Wahrheit innewohnen, wenn sie einen Sinn haben soll. In welcher Bedeutung freilich hier allein von Wahrheit die Rede, ob sie an den gleichen Maßstäben zu messen ist wie die theoretische Wissenschaft, das verlangt sorgsame Erwägung. Von vornherein sieht es so aus, als ob die verschiedenen Ausprägungen des religiösen Bewußtseins auf eine Idee bezogen werden müssen, um je nach dem Grade ihrer Uebereinstimmung mit dieser ihre Wahrheitskraft zu empfangen. Die übliche geschiehtliehe Einteilung und Wertung scheidet Weltreligionen von den anderen, die tatsächlich oder sogar ihrem laut ausgesprochenen Wesen nach auf einen beschränkten Kreis von Gläubigen sich begrenzen. Diese Auffassung, welche die höhere Religion im allgemeinen der an Bekennerzahl überlegenen gleichsetzt, erscheint den Beurteilen! so selbstverständlich, daß das Judentum als Religion ohne weiteres aus dem Bezirk der höheren ausgeschieden, als eine niederen Wertes betrachtet wird. Das ist die Tragik der Wenigen unter den Vielen. Sie wäre von den Juden hinzunehmen, wenn sich in dieser Beurteilung nur offenkundig apologetische Absichten auf der Mehrheitsseite herausstellten. Sie steigert sich aber zu einer wirklich unerträglichen, tragischen Höhe, wenn jene Beurteilung von den Juden selber als eine sachlich gültige anerkannt und nunmehr von ihnen in völlig durchsichtiger Apologetik, die ihren Verkündern selbst kaum unbemerkt bleiben kann, der Versuch gemacht wird, das Judentum gleichsam als eine auf ihrem Wege zur Menschheitseroberung stecken gebliebene Religion hinzustellen, es zu entschuldigen, wenn ihm Christentum und Islam das Wasser abgegraben haben. - Der tiefste Grund für diesen religionsgeschichtlichen Irrweg liegt darin, daß die weltanschauliche Seite des Religiösen als sein Kern angesehen wird, daß seine ״Wahrheit“ gesucht und diese Wahrheit nach Analogie mit der Wissenschaftliehen Erkenntnis bestimmt wird. Wenn Schopenhauer die Religion Metaphysik des Volkes heißt, so ist diese Bezeichnung charakterisierend für die tatsächliche Auffassung. Und wenn man den Verfall des positiven Glaubens in den Kreisen von Bildung und Halbbildung auf seine Ursachen hin prüft, so beobachtet man wiederum, daß die religiöse Erkenntnis der Welt, ihrer Einrichtung und