Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829915-2829919-2831859--45340-2831887- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
155 gewesen sei, das hieße doch eine nicht begründbare Metaphysik des Unbewußten treiben. Auch das Argument kann nicht verfangen, daß in zahlreichen modernen Juden alle positiv religiöse Empfindung erloschen und doch ein jüdisches Bewußtsein von solcher Stärke übriggeblieben sei, daß ihnen — von den zurückstoßenden Ein- Wirkungen äußerer Faktoren zu schweigen — das völlige Aufgehen in einen anderen Kreis zur Unmöglichkeit geworden. Denn wenn jemand sich Jude heißt oder von den anderen so geheißen wird, wenn er selbst von eigenen innerlichen Impulsen her keinen seelischen Anschluß im außer jüdischen Bereich findet, dabei aber den kern- und wesenhaften Besitz seines Stammes, nämlich das religiöse Gut, nicht als eigenen Besitz, als eine ihn inwendig ergreifende Macht anerkennen kann, so folgt daraus zunächst nur seine Loswurzelung von einer Lebensgemeinschaft, seine seelische Leere. Worüber freilieh nicht zu vergessen, daß die gemeinschaftsgestaltende und charakterisierende Kraft des Religiösen, zumal des Judentums, das auf einen bestimmten Ausschnitt der durch Stammeseinheit und Aehnlichkeit des Schicksals verknüpft gebliebenen Menschen begrenzt ist, noch weit über den Tod des eigentlich frommen Erlebens hinaus eine gewisse, vielleicht sogar sehr tiefgreifende Fähigkeit der Formung bewahrt. Viele moderne Engländer sind sicherlich nicht weniger glaubenslos als zahlreiche Kinder unseres Stammes. Kann man aber deshalb übersehen, daß die indirekten Folgen der Form, in welche die kalvinistische Religion zu ihrer Heldenzeit den englischen Volkscharakter gegossen hat, die sich etwa in einer ganz bestimmten wirtschaftlichen Gesinnung, in besonderer Haltung zum neuzeitlichen Kapitalismus offenbaren, die ferner in der religiösen Lehre von der Gnadenwahl eine höchst wichtige Quelle für den politischen Weltherrschaftsgedanken gegraben haben, nicht auch in denjenigen Angelsachsen sehr lebendig sind, in denen die religiösen Wurzeln des Puritanismus längst abgestorben? Man mache sich auch die konservative, die konservierende Art des Gefühls überhaupt klar: Gefühle bleiben, auch wenn die Vorstellungen, die gedanklichen Gehalte, an die sie ursprünglich geknüpft gewesen, längst geschwunden sind. Wir machen es uns in dieser Arbeit zur Aufgabe, zu zeigen, wie die Glaubensvo'rStellungen aus dem Leben der jüdischen Seele hervorgekommen sind. Wir können vorweg nehmen: Nachdem sie einmal da waren und gleichsam abgelöst von ihrem Mutterboden zur selbständigen Wirksamkeit des Gedankenhaften erwachten, mußten sie rückwärts wiederum auf das Gemüt wirken. Aber die Eigengesetzlichkeit ihrer gedanklichen Existenz, ihr gleichsam neutralisierter Bestand, besaß die Kraft, sie zu selbständigen Entfaltungen zu führen. So formten sie als souveräne Gedankenmächte das jüdische Bewußtsein. Und indem ihr Nachhall noch lange fortwirkte, als ihre unmittelbare Stimme längst in den Herzen vieler verstummt war, da das durch sie erzeugte Gefühl den Glauben an ihre Wah r - heit überlebte, konnte es möglich sein, Jude der Empfindung nach zu bleiben, auch wenn die Weltanschauung des Judentums, die Theorie von den Gedanken und lehrbaren Glaubensmeinungen, die Ueberzeugungskraft verloren hatte. 11*