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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1923-01-01 · Heft 5 · p. Seite 154

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
67 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1923-01-01
Page
Seite 154 (sequence 2)
Language
German
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154 1 Schweigen gebracht, das, in sich gegründet, keine jenseitigen Zwecke verfolgt, sich aber auch keinen, die es von außen her gegen sich gekehrt sieht, aufopfern kann. So ist es aus dem Gesichtspunkte der sich von innen her ergreifenden lebendigen Volkheit her, für die Kraft der Ueberzeugung von dem Daseinsrecht ohne Belang, ob die nationale Größe, gegen andere gehalten, bedeutend oder unbedeutend, schöpferisch an der Weltkultur beteiligt oder stumpf ihre Existenz führt. Die Sache liegt, von innen her betrachtet, nicht anders als beim Selbstgefühl der Einzelpersönlichkeiten. Der Durchschnittsmensch braucht sich von Rechts wegen den Anspruch aufs Sein auch nicht durch die Wirklichkeit der genialsten Persönlichkeiten verkümmern zu lassen. Und es ist auch in keinem Sinne richtig, daß die große Menge nur den Sinn hat, daß bisweilen einige wenige Genies aus ihr geboren werden. Das Bild ändert sich aber sofort, wenn ein idealer Gehalt eine4 Gemeinschaft von Menschen zusammenhält. Das ist beim Judentum trotz seiner stammlichen Grundlage insofern der Fall, als sein Selbstbewußtsein sich ihm stets als ein religiöses gedeutet hat. Es liegt uns fern, die Streitfrage aufzurühren, ob sein Wesen als ein nationales oder religiöses bestimmt werden soll, ob Rasse im allgemeinen und jüdische im besonderen dem Menschen derartig tief einen character indelebilis aufprägt, daß aller bewußter Wille nichts an ihm ändern kann. Der Beweis hierfür könnte nur experimentell geführt werden, und er wäre am Ende der Tage noch nicht abgeschlossen. Es sollen nur die extremen dogmatischen Behauptungen zurückgewiesen werden, einmal, daß das Judentum so etwas wie eine Konfession sei, die — gleichsam zufällig — auf die Glieder eines Stammes beschränkt geblieben, und auf der anderen die Meinung, daß das Religiöse bloß die Gewandung-wäre, die Hülle, in welcher der nationale Kern sich durch die Jahrtausende errettet. Unsere Untersuchung will sich allein auf erfahrungsmäßig gegebene, von keiner deutenden Theorie umgebogene Tatsachen stützen. Und diese Tatsachen sind erstens die Erscheinung, daß die heute über den Erdball zerstreut lebenden Juden mutmaßlich im Wesentlichen gemeinsamer Abkunft,. also durch Blutsbande verknüpft sind, und zweitens das Faktum, daß sie selber den Sinn und den Inhalt ihres Judeseins im Gefühl der Verpflichtung auf eine religiös geheiligte Lehre erfaßt haben. Daß erhebliche Teile der Juden von dem Trachten erfüllt sind, auf eigenem Boden, dem Lande der Ahnen, wieder ein gemeinsames Leben zu entfalten, das über die stammliche Verknüpfthö'it hinaus zu vollem Gehalt nationaler Existenz hinschreitet, das ist eine Sache des auf die Zukunft gerichteten Willens. Dieser hat sicherlich — von den ihn unmittelbar auslösenden Motiven abgesehen, die aus dem unbefriedigenden Schicksal der nicht assimilierten Massen sich ergeben — aus gewissen dauernden Tendenzen des jüdischen Bewußtseins seine Anregungen empfangen, und insofern ist er nichts weniger als eine willkürliche Schöpfung gewisser Führer, kein gemachtes Kunstprodukt. Aber die Tatsachen so gruppieren oder auslegen wollen, als ob der nationale, der auf die Bildung einer echten und vollständigen Volksgemeinschaft gerichtete Wille — stets der verborgene Sinn alles jüdischen Fühlens und Denkens

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