Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 153 (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma. Von M. Wiener in Stettin. Das geschichtliche Schicksal hat die Juden dazu bestimmt, eine Gemeinschaft der Wenigen unter den Vielen zu sein; hat noch dazu ihre geringzählige Schar derart unter anderen Gruppen aufgelöst und zersplittert, daß sie gar weitgehende Grenzen und diesen entsprechend allzu vielfältig verschlungene Beziehungen zu Menschen jenseit der Grenze besitzt. Dieser Reichtum der nach allen Seiten hin sich verästelnden Beziehungen erschwert den Weg zur Erkenntnis des eigenen Wesens. , Denn jede Erkenntnis, jede Beurteilung eines Gegenstandes setzt einen übergeordneten Begriff voraus, unter den er zu subsummieren ist, verlangt zugleich, um Eigenart und Unterschied zu bestimmen, die Möglichkeit des Vergleichens vergleichbarer Dinge. Jeder Vergleich fordert ein Maß, jedes Maß ein Gemeinsames zwischen den zu messenden Dingen. So können Völker miteinander in Beziehung gesetzt, in eine Rangordnung eingegliedert werden, sofern etwa ihr größerer oder geringerer Anteil an der Erarbeitung von Kulturgütern ins Auge gefaßt und beurteilt wird. Die Bedingung hierfür ist, daß diese Kultur als eine Summe sachlicher Gestaltungen angesehen wird, die, in mannigfache Gebiete zerfallend, in den Leistungen von Wissenschaft und Kunst, von Wirtschaft und Technik eine gemeinsame Beurteilung zuläßt, weil für jedes dieser Bereiche höchste, die nationalen Grenzen durchbrechenden Wertmaßstäbe anwendbar sind. Denn trotz aller nationalen ,,Eigenart“ und bei aller Anerkennung eines durch sie gegebenen Selbstwertes steht es außer Frage, daß die verschiedenen Völker in je einem dieser Lebenskreise, in Wissenschaft oder Kunst, in der Ausbildung von wirtschaftlichen oder politischen Formen teils Größeres, teils Geringeres geschaffen haben, daß sie also auch mehr oder weniger bedeuten oder wert sind. Aber neben dieser versachlichenden Betrachtung gibt es eine andere, die nicht den Blick auf die Fülle des gesamten Kulturgutes spannt, dessen Quantität gleichsam in verschieden große Teile zerstückend und seinen Trägern, die es erarbeitet haben und pflegen, auf die Rechnung setzend. Das ist die nach innen gekehrte Schau dieser Kultursubjekte selber, das nationale Selbstbewußtsein, welches in sich ruht, das eigene Leben als etwas Unbedingtes empfindet, seinen Wert nicht von einem außerhalb gelegenen Maßstab ableitet, es nicht als Mittel, sondern als den Endzweck selbst begreift. Mit diesem Gefühl des Rechts auf das eigene Dasein und die ihm gebührende Entfaltung, führen die kleinsten Völker den Kampf um ihre Selbstbehauptung, lassen sie die Einrede der großen, der Weltnationen, die sie — bisweilen ist es ganz aufrichtig gemeint — durch Aufsaugung zu sich emporheben, beglücken wollen, nicht gelten. Der moralische Anspruch der Persönlichkeit auf das eigene Sein kommt ihnen zu gute, und die Frage nach dem Sinn dieser Selbständigkeit wird von einem Lebensgefühl zum Monatsschrift, 67. Jahrgang II