Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 29)
- Language
- German
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109 mechanischen Zusammenhängen erweisen die Irrationalität der Natur und Geschichte., Gewiß bedeutet diese. Irrationalität der Wirklichkeit nicht ihre Identität mit der Irrationalität der religiösen Erfahrung, denn zweifellos ist religiöses Gotteserlebnis und* methaphysisch.es Wirklichkeitsdenken wesenhaft verschieden. Um der Einheit der Lebensanschauung willen aber ist es auch für die Religionsphilosophie von höchster Bedeutung, wenn die Religion bei voller Behauptung ihrer. Eigenart nicht in Widerspruch zur wissenschaftlichen Weltbetrachtung steht. Darum verdient die philosophische Arbeit der Denker des Irrationalismus unserer Zeit ernsteste Beachtung. Die Wahrheit des Gottesbewußtseins ist intuitiv gewiß und mit ihr die Wahrheit der aus dem Gottesbewußtsein folgenden Urteile über Welt und Mensch. Damit aber ist die Religions- Philosophie gezwungen zur Welt- und Lebenserkennt• n i s der Metaphysik Stellung zu nehmen. Die Rationalität und Irrationalität Gottes und die Rationalität und Irrationalität der Welt verlangen eine Einheit der Weltbetrachtung in einer Metaphysik der Zukunft. Auf sie tendiert der tiefste Trieb der Philosophie der Gegenwart. Unsere Stellung zum Christusglauben haben wir bei Otto zum Ausdruck gebracht. Für das Judentum bedeutet die Erhebung eines Irdischen zum Absoluten die Vernichtung der Einzigkeit Gottes. ״Du sollst Dir kein Bildnis machen und keinerlei Gestalt\‘( Für uns ist das Judentum die ponderable Religion: Das Gottesbewußtsein des einzigen heiligen Gottes und die aus ihm stammende Welt- und Lebensbeurteilung im Freiheits- und Reich-Gottes-Glauben sind Grundlage unseres Lebens. In immer tiefer greifender Befreiung vom Bann der naturalistischen Nivellierung dringt die Philosophie der religiösen Erfahrung von der heterogenetischen Erklärung der Religion bei Wundt zur Anerkennung des selbständigen mystis c h e n religiösen Bewußtseins vor. Dieses bestimmte James als unterbewußte Erfahrung der Seele und grenzte sie hiermit gegen die Ansprüche des Rationalismus ab. Otto erfaßt die Eigenart der Religion in ihrer nicht unbewußten, sondern i r r a - tionalen Erlebnisart des Nnminosen, enthüllt die tiefe Selbständigkeit der religiösen Erfahrung, die obwohl einer a priorischen Anlage der Seele entspringend, dennoch intuitiv den religiösen Gegenstand, Gott erfaßt. Scholz charakterisiert den Symbolcharakter der religiösen Erfahrung in dem Offenbarwerden des Unirdischen im Irdischen, erhellt die Mannigfaltigkeit religiöser Lebensformen und sucht die Wahrheit der religiösen Erfahrung auf den perspektivischen Charakte r der Erfahrung zu begründen. Hier wird die weitere Arbeit der Religionsphilosophie einsetzen. Schluß. Wohl führt Philosophie zur Religion nur heran, aber in den Begriffen der Philosophie arbeitet mehr als nur das Denken, so