Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829915-2829918-2831731--45259-2831797- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
108 Die zentrale Bedeutung des Gottesbewußtseins *als innersten Gehaltes der Religion, die Charakteristik der religiösen Erfahrung als Gotteserlebnis, die Sonderung der irdischen und unirdischen Momente im religiösen Erleben, die Differenzierung des Gottes־־ Bewußtseins in den Typen der Religion, die Kennzeichnung der verschiedenartigen Symbole der Gottesoffenbarung enthüllen den wesentlichen Gehalt des religiösen Bewußtseins. In energischem Scharfsinn und kritischem Freimut wird das Wahrheitsproblem der Religion in unbeirrbarer Strenge des Wahrheitssuchens zur Ent- Scheidung gebracht. Darum sei auch hier nur dasjenige hervorgehoben, wo wir meinen abweichen zu müssen: Schon die Charakteristik der irdischen Eindrücke, in denen Gott erlebt wird, als dem allgemeinen Kausalzusammenhang aller Erfahrung zugehörig, liegt nicht mehr in der Sphäre phänomenologischer Beschreibung der religiösen Erfahrung. Wohl kann eine solche Einordnung der irdischen Eindrücke in den Gesamt- Zusammenhang der Erfahrung erkenntnistheoretisch gefordert werden, aber das religiöse Bewußtsein selbst weiß von einer solchen Forderung und einer solchen Einordnung nichts, Sie kennt nur ihre unmittelbare Beziehung des Irdischen auf Gott, v In der Frage nach der Wahrheit der Religion aber kommt das Problem zur Entscheidung, ob empirische und religiöse Erfahrung nebeneinander bestehen können. Hier nun hält Scholz an der g e n e - r eilen Geltung des mechanischen Kausalzusammenhanges fest und faßt demnach das religiöse Erleben als Erleben Gottes an Eindrücken, die dem Kausalzusammenhang angehören, Dies ist für ein kosmisches Gottesbewußtsein, das Gott in der Natur erfaßt, möglich, aber auch für eine Lebensform der Religion, die durch ethische Symbole bestimmt ist? Werden nicht durch den Kausal- Zusammenhang nicht allein die Symbole Gottes, sittliche Hoheit und Reinheit, sondern Gott selbst vernichtet? Wird an der realen allgemeinen Bedeutung des Kausalprinzips festgehalten, dann ist der p e r s p e k t i v i s c h e Charakter der Wirklichkeit bei Scholz, wie im Neukantianismus, dem er hier folgt, nur ein Schein. Konstitutiv ist der Kausalzusammenhang, die religiöse und sittliche Wirklichkeit haben sich dem zu fügen, so gut sie es können, Sie können es aber nicht, ohne ihre Eigenart zu verlieren: die sittliche Wirklichkeit ihre Freiheit, die religiöse Wirklichkeit ihre Lebendigkeit. Es zeigt sich, daß das Gottesbewußtsein n i c h t so unabhängig vom wissenschaftlichen Weltbild ist, daß es sich auch mit einer durchgängigen Mechanisierung der Welt vereinigen ließe, ’ wenn man nicht zur Lehre der doppelten Wahrheit, der Wissenschaftliehen und religiösen Wahrheit, die noch durch eine dritte, sittliche Wahrheit vermehrt werden müßte, zurückkehren will. Hierdurch aber würde der Ernst aller Ueberzeugung zerstört. Die Methodologie der Natur- und Geschichtswissenschaft aber erweist den. mechanischen Naturbegriff als mit den Tatsachen des natürlichen und geschichtlichen Lebens nicht vereinbar. Die schöpferische Entwicklung des Lebens und die :'Ü nab leitbar k eit des höheren Geisteslebens aus