Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 25)
- Language
- German
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’ 105 aufbaut. Hier ist aber zwischen einem statutarischen Dogmen- Christentum und einem Christentum auf Grundlage des persönlichen Erlebens der Bedeutung des ־ kanonisierten Christusereignisses zu unterscheiden. Dieses Erlebnis wirkt dann auf das Gottesbewußtsein hinüber. Für die Formung des Gottesbewußtseins können die verschiedenartigen Symbole von Bedeutung werden: 1. die kosmischen Symbole Welt, Natur, Alleben u. s. f. 2. e t h i s c h e Symbole. Hier ist nicht andächtige Kontemplation, sondern Ehrfurcht vor sittlicher Hoheit und Größe und das Gefühl des Vertrauens dasjenige, was die Beziehung zum Göttlichen bestimmt. Hier erzeugt sich im Unterschiede zur Religion der weltandächtigen Gottesliebe die Religion des persönlichen Gottvertrauens. Sie empfindet• die Welt nicht als Ausdruck des Göttlichen, sondern als Werk und Schöpfung Gottes. Eine Religion, die sich auf die Augenblicke des unmittelbaren Gotteserlebens konzentriert, ist Stimmungsreligion. Ihr steht die schlichtere und gleichmäßige Gesinnungsreligion gegenüber. Je nachdem die Identität oder die Distanz von Gott und Mensch empfunden wird, ergibt sich die I d e n t i t ä t s r e li - g i o n und die Religion, in der das Kreaturgefühl vorherrscht und die Distanzreligion genannt werden kann. Bei absolutem Entfremden von Mensch und Gott ergibt sich die Sehnsucht nach einem Mittler, der die Distanz überbrückt. Wie das Selbst, kann die Welt religiös verschieden empfunden werden, als Ausstrahlung des Göttlichen und als dessen Widerspruch. Sodann gibt es eine Religion des Alleinseins und des Für-sich-sein-wollens und Gemeinde religion, die die stärksten sozialisierenden Kräfte enthält; Der Wirkung nach kann die Religion erhebend sein als Erwecker der großen Gefühle oder ein Sporn zum entschiedenen Handeln als Stachel des Gewissens. Ponderable Lebensformen der Religion sind für Scholz Pantheismus, Mystik und Christentum. Der Pantheismus ist die Religion der Alloffenbarung, der kosmischen Symbole, die klassische Religion der weltandächtigen Gottesliebe, die Religion der Verklärung der Welt. Die Mystik ist durch ihr weltfremdes Gottesbewußtsein charakterisiert. Gott und Seele bilden den Horizont der Mystik. Das Christentum ist ethisch symbolisierte Gesinnungs- und Gemeindereligion einer geklärten Gottesempfindung mit scharfem Distanz- Verhältnis von Gott und Mensch, demzufolge der Verehrung eines entsühnenden Mittlers, im Luthertum mehr Erhebungs-, im Kalvinismus mehr Ertüchtigungsreligion. Es gibt kein objektives Prinzip, das eine Rang- Ordnung dieser drei Religionen ermöglicht. Die Pluralität der Lebensformen schließt ihre objektive Gleichberechtigung ein;und enthält die Anerkennung derselben schon in sich. So kann ein Prinzip der Rangordnung nur im Subjekt gefunden werden. Die Lebensformen sind nicht freiwillig gewählt, sondern gehen aus der Lebens- Verfassung mit Notwendigkeit hervor. Die Lebensverfassung wird mit Ehrfurcht als Gott gefügt empfunden und so die Lebensform,