Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 24)
- Language
- German
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des machtvoll Erhabenen und des ewig Begehrenswerten bestimmt ist. Das Unirdische bedeutet das Irrationale, Wunderbare, das uns erschauern läßt und uns zum Niederknieen zwingt. Das. machtvoll Erhabene drückt das Ueberwältigende des religiösen Objektes aus, und das ewig Begehrenswerte ist nie Mittel zur Durchsetzung irdischer Zwecke, sondern höchstes Ziel und Gut der nach ihm sich sehnenden Seele, Die ponderable Religion ist durch dieses Gottesbewußtsein bestimmt. Demnach unterscheidet sich die Religion grundsätzlich von der Metaphysik, denn das Gottesbewußtsein der Religion wurzelt in Öffenbarungszuständen, das Absolute der Metaphysik hingegen, selbst wenn es als Gott erfaßt wird, wurzelt in der Analyse der irdischen Dinge und weiß nichts von Offenbarung. Wo immer der Gottesgedanke primär sich aus irgendwelchen Reflexionen erzeugt, da handelt es sich grundsätzlich um Metaphysik und nicht um Religion. Das gilt auch von dem Begriff der Lebens an •ל■ sch auung , wenn in ihr eine Weltanschauung unabhängig vom religiösen Gotteserlebnis gemeint ist. Aber auch das sittliche Bewußtsein ist nicht mit dem religiösen Bewußtsein identisch, denn es führt bestenfalls zur I d e e Gottes oder der sittlichen Weltordnung, nicht aber zum Erlebnis der Realität Gottes. Andererseits führt die Religion manchmal zu sittlich angreifbaren Urteilen, wenn zum Beispiel der "reuige Sünder über den Gerechten gestellt wird. Auch ist gesteigertes sittliches Bewußtsein ohne religiöses Bewußtsein möglich, wie gegesteigertes religiöses Bewußtsein mit Schwäche des sittlichen Willens. Auch das ästhetische Erlebnis, wie sehr es sich dem religiösen Erleben im Erleben des Erhabenen nähern kann, unterscheidet sich doch grundsätzlich von aller Religion durch den i 11 u ~ sionären Charakter des ästhetischen Objekts im Unterschiede •zum R e alit ätsbe wußtsein des religiösen Erlebnisses. Das ästhetische Erleben ist an der Form, das religiöse an der Wirklichkeit seines Gegenstandes, interessiert. Auch die ästhetische Auffassung der Natur darf nicht mit der religiösen verwechselt werden. Denn selbst andächtige Konzentration ist nur dann ein religiöses Symptom, wenn das Gottesbewußtsein dabei ist. So hat jedes, Bewußtsein der geistigen Werte seine Eigenart und ist mit dem Erlebnis ihrer Unvertauschbarkeit verknüpft. rLebensformen der Religion sind typische Formen des Gottesbewußtseins. Solche sind: 1. die Religion des unbegrenzten Offenbarungsbewußtseins oder der Pantheismus, dessen größtes Vorbild Goethe ist; 2. der Offenbarungsbegriff der Mystik als Innen- Offenbarung Gottes in der Tiefe des Seelengrundes. Sie beide bilden Formen des freien Offenbarungsbewußtseins. 3. die normierte Religion, die von fest umschriebenen Voraussetzungen normativen Charakters ausgeht. Ihre ponderable Form ist für Scholz das Christentum, das'aber nicht das Gottesbewußtsein zü.Gunsten des Christusbewußtseins unterdrücken darf. Ein bloßes Christus-Christentum würde nicht mehr als Religion charakterisiert werden können. Als normierte Religion ist daher das Christentum diejenige Art des Gottesbewußtseins oder diejenige Religion, die sich auf dem Christusbilde