Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 21)
- Language
- German
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101 Obwohl diese Analyse des .Numinosen, des Heiligen den entscheidenden Schritt der modernen Religionspsychologie über Schleiermachen hinaus bedeutet und’ zu den nunmehr unverlierbaren Erkenntnissen der Religionswissenschaft gehört, sei es gestattet, die Momente hervorzuheben, wo wir glauben, von Otto abweich en zu müssen: Es will uns scheinen, daß. die (wenn auch methodisch geforderte) Trennung der irrationalen von den rationalen Elementen des Gottesbegriffs die rational-ethischen Elemente in eine religiös sekundäre Stellung rückt. Gewiß, daß sie erst im Laufe der religiösen Entwicklung energisch hervortreten, und daß Otto ernstlich׳ die Zugehörigkeit des Ethischen zum Numen betont, aber wir vermissen die Kennzeichnung des religiösen Erlebens, das die ethischen Werte a m Numen entdeckt und nicht nur von außen in die Gottheit projiziert. Wie kommt es zur Ethisierung der Religion, wenn diese nicht ״ursprünglich sittlich bestimmt ist? Ist diese Verbindung eine wirklich innerliche, selbst religiöse, oder nur geschichtlich geworden? Otto sieht selbst das Problem des Zusammenhanges von Religion und Sittlichkeit, der doch in aller höheren Religion so selbstverständr lieh angenommen wird. Der Gedanke aber, daß das Sittliche das Religiöse so schematisiere, wie die Zeitfolge den Kausalbegriff, löst die Schwierigkeit nicht. Der Kausalbegriff tendiert nach TJeber- Windung der bloß zeitlichen Folge im logischen Zusammenhang, kann so das Sittliche vom Religiösen aufgelöst werden? Eine zweite Gefahr droht der Mystik gleichfalls aus der ״Ganzandersartigkeit" des Numen. Ist es seltsam, daß das Numen menschliehe Forderungen von Gerechtigkeit und Liebe erhebt und nicht nur Unerhörtes, Entsetzliches, so sei auch das ״H e i V ‘ allen menschlichirdischen Zwecken entrückt. Ueberschwenglich ist es nicht nur durch den Gefühlswert der Seligkeit der Gottesnähe, sondern auch durch die Unwirklichkeit, alles Wirkliche Ueberfliegende des Gottesreiches. Wenn aber das Gottesreich so allen irdischen Zwecken entrückt ist und keinen Zusammenhang mit dem Irdisch-Menschlichen mehr hat, stürzt da die Mystik nicht ins-Leere? Gewiß ist Nirwana nur dem Namen nach das Nichts, dem Gefühl die Fülle und die Seligkeit. Ist aber dieser Frieden dann nicht nur über alle Vernunft, sondern lediglich ein Rausch der Phantasie! Hier hat die prophetische Religion des J udentums ihre warnende Schranke errichtet. Gott ist nicht nur der Ganz-Andere, sondern zugleich der Heilige, der durch Gerechtigkeit ge- D heiligt wird. Seine Gerechtigkeit und seine Liebe aber sind selbst überirdisch, über Vernunft und Begreifen der Menschen erhaben, Ausdruck seines numinosen, heiligen Wesens, und doch dem Menschenherzen vertraut. D a r u m ist der Gott des Schreckens zugleich der Gott der Liebe, das mysterium tremendum zugleich das mysterium fascinosum. Dann aber ist auch das Heil des Gottesreiches trotz aller Ueberschwenglichkeit und Seligkeit der Gotterfülltheit zugleich ein irdisches Reich, in dem Liebe und Wahrheit die Menschheit eint. Die numinose und die rationale Kraft der Menschenseele haben nicht erst in einem späteren Stadium der religiösen Entwicklung sich gefunden, sondern aus ihrem gemeinsamen Wirken ist alle religiöse Erkenntnis hervorgegangen.. Religion ist die Ein-