Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 100 (sequence 20)
- Language
- German
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100 ' v ־■ vor dem Heiligen. Im' Kultus werden vom Numen die Entslihnungsmittel dargeboten, in den Riten, den Opfern die Kluft zwischen dem Heiligen und dem Profanen überbrückt, eine Gemeinschaft zwischen dem Numen und seinen Verehrern hergestellt, sie als Gemeinde in den heiligen Kreis gezogen. Diese irrationale Wesenheit des Numen ist der Grund und Quell aller Religion. Aber nun erfolgt in den höheren Religionen jene E t h i s i e r u n g des Heiligen, die keineswegs das Numinose ausschaltet, aber es mit dem Wesen des rationalen Ethos erfüllt. Fast überall zieht das Numinose die Ideen gesellschaftlicher und individueller Ideale des Verbindlichen, Rechten und Guten in sich. Diese werden zum Willen des Numen, es selber wird zu ihrem Wächter, Ordner und Stifter. Das Heilige wird gut und das Gute wird eben dadurch heilig, bis sich eine nicht mehr lösliche Verschmelzung beider 'Momente ergibt und so der volle Sinn von heilig als numinos und gut entsteht. Zugleich aber wird klar, daß die Ethisierung nicht zu einer Vernichtung der numinosen, irrationalen Momente Gottes führen darf, ohne die Religion selbst zu vernichten und in Sittlichkeit aufzulösen. Es ist die Kraft und Stärke der biblischen Religion, den ״lebendigen“ Gott zugleich als Gott der Liebe, Treue, Gerechtigkeit erkannt zu haben. In der unauflöslichen Verbindung der rationalen und der irrationalen Momente des Gottesbegriffs beruht seine Erhabenheit und Absolutheit. Das Gefühl des Numinosen ist nicht aus anderem ableitbar, es ist der Quell der Religion. Es bricht auf aus dem tiefsten Erkenntnisgründe der Seele, wohl angeregt durch sinnliche Gegebenheiten, Reize und Erfahrungen, aber nicht a u s ihnen, sondern nur durch sie. Darum gibt es wohl eine Entwicklung der Religion, indem die einzelnen Momente des Numinosen sich immer deutlicher und kräftiger entfalten. Denn nur allmählich und an der Kette sehr langsam nach, einander einsetzender Reize rollt es seinen vollen Inhalt auseinander. In der Vereinzelung seiner Momente erscheint es wie ein ungeheurer Alpdruck der Menschheit, bis es in seiner Vollendung, wozu seine rationale Erfüllung gehört, die Tiefen seines Gehaltes erschließt. Nicht aber gibt es eine heterogenetische Entwicklung der Religion aus etwas, das nicht Religion ist. VonErlösungsr eligion zu reden, ist eigentlich ein Pleonasmus, wenigstens wenn man die höheren entwickelten Formen von Religion im Auge hat. Denn alle höheren, entwickelten Religionen, die sich verselbständigt und abgelöst haben von den ihr heteronomen Be- Ziehungen auf staatliche und private weltliche Eudämonie, entwickeln in sich eigentümliche, überschwengliche Seligkeitsideale, die man mit dem Ausdruck ,,Heil“ bezeichnen kann. Das ״Reich Gottes“ ist das Heil des Judentums und des Christentum s, das sich immer mehr aus einem politischen zu einem religiösen Ideal mystischer Gottesgemeinsehaft entwickelt hat. Im Christentum sieht Otto die absolute Religion, wie in Jesus nicht mehr den Propheten, sondern den Sohn, die Erscheinung des Heiligen.