Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 99 (sequence 19)
- Language
- German
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99 tremendum. Furcht ist ein natürliches . Gefühl, hier aber bedeutet das tremendum jene Skala von Gefühlen, die-uns in Gegenwart des Heiligen durchschauert, die, ebensosehr Angst, Schrecken, Scheu, Entsetzen, wie Erbeben, Andacht, Feierlichkeit, Demut vor dem Numen präsens sein können. ,,Religiöse. Scheu" ist ein schlechthin einzigartiges Gefühl, das das Numen in uns erregt. Von ihm und seinem ersten Durchbruch in den Gemütern der Urmenschheit ist alle religionsgeschichtliche Entwicklung ausgegangen. Es lebt im ״Panischen Schrecken“, wie verkleinert in der ,,Gespensterfurcht“. Diese numinose Scheu ist das eigentliche Merkmal für die Religion^ der Primitiven und gibt auch dem religiösen Erleben der höchsten Geister die eigne Schwere und den bedrängenden Ernst. Dieses Tremendum bedeutet Gottes ,,Zorn“, ״Schrecken“, ״Eifer“, vor dem kein Geschöpf zu bestehen vermag. Es ist mystisches Erschauern und löst als Begleitreflex das Gefühl eigener Nichtigkeit. Diese bebende Scheu aber ist getragen von dem Gefühl der Erhabenheit, der numinosen majestas, der Uebermacht, vor der das Ich zum Nichts wird. Aus dem Gefühl der Majestas geht das Kreaturgefühl hervor, ich Nichts — Gott Alles. Durch das Andrängende seiner Macht und seines Schreckens erhält das Numinose denCharakter des ״Energischen“, vor dem es kein Entrinnen gibt. Stets aber ist das Numen Mysterium. Das religiös Mysteriöse ist das ״Ganz andere“, das Fremde und Befremdende, das Gemüt mit starrem Staunen Erfüllende. ״Ungreifbar und unbegreifbar ist der wirklich ,,mysteriöse“ Gegenstand nicht nur, weil mein Erkennen in Bezug auf ihn gewisse unaufhebbare Schranken hat, sondern weil ich hier auf ein überhaupt ״Ganz anderes“ stoße, das durch Art und Wesen meinem Wesen inkommensurabel ist und vor dem ich deshalb in erstarrendem Staunen zurückpralle1.“ Das Mysterium des Numen ist aber nicht nur das Wunderbare, Erschreckende, Abdrängende, Erhabene, es ist auch das übermächtig Anziehende, Gefangennehmende, Wundervolle. Es*ist nicht nur mysterium tremendum, sondern zugleich mysterium fascinosum. Die Kreatur, die vor dem Numen erzittert, fühlt sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen in Sehnsucht, Ekstase, Taumel und Rausch. Wie die religiöse Unseligkeit als Erleben der ״ira“ tief irrationale Momente in sich hat, so die religiöse Seligkeit. Beseligung ist viel mehr als Zuversicht, Getröstet-sein, Liebe, Erbarmen, es wird nur entsprechend mit dem Namen ״Gnade“ bezeichnet, ist das ,,Heil“, der ״Frieden“. Vor dem Numen aber fühlt sich der Mensch nicht nur als Nichts, sondern gegenüber der ״Heiligkeit“ des Erhabenen, Unnahbaren, Wunderbaren, Andtängenden, Ueberwältigenden als unwürdig, unrein, ״s ü n d h a f t “. So wenig' wie der Begriff des Heiligen ist der des Sündhaften ursprünglich ein sittlicher Begriff. Gegenüber dem numinosen Wert bedeutet es vielmehr den numinosen Unwert der Kreatur. Die Kreatur sucht nach ,,Entsühnung“, nach ״Bedeckung“ ihres kreatürlichen Unwertes vor dem ganz Anderen, des Profanen 1 Otto: Das Heilige. 8. Aufl. 1922, S. 31. 1*