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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1923-01-01 · Heft 4 · p. Seite 97

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
67 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
Date
1923-01-01
Page
Seite 97 (sequence 17)
Language
German
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97 und tiefer geführt haben. Ist wirklich Liebe, Furcht, Vertrauen zu Gott nur durch das Objekt von den ähnlichen Empfindungen Menschen gegenüber unterschieden? Oder hat das religiöse Gefühl seine eigene seelische Atmosphäre, die, es ebenso gegen alle anderen Gefühle abgrenzt, wie Gott in einem anderen ,,Ort“ als die Dinge lebt und wirkt! Dann brauchte religiöse Erfahrung nicht unterbewußte Erfahrüng sein und könnte doch ihre eigene Macht und Tiefe behalten. Dann würde sich ergeben haben, daß religiöse Erfahrung irrationale d. h. durch den Verstand unauflösliche Erfahrung ist, die aber ebenso bewußt ist, wie die bewußte rationalfe Erfahrung. Unangreifbar aber erscheint. uns das Fundament der Jamessehen Religionspsychologie, die Feststellung der Selbständigkeit des mystischen Bewußtseins. Noch tobt in der Philosophie der Gegenwart der Kampf zwischen Rationalismus und Irrationalismus, zwischen den Ansprüchen der Wissenschaft ,,d i e“ Wirklichkeit zu erkennen und einer kritischen Besinnung auf den Symbol- Charakter der wissenschaftlichen Begriffe. Insbesondere hat James’ kühner Vorstoß, alle Geltung der Wahrheit ,,pragmatisch“ auf ihre Brauchbarkeit zu begründen und in den Theorien nur Instrumente der Ordnung und Beherrschung der Erfahrung zu sehen, lebhaften Widerspruch hervorgerufen. Ohne die intuitive Gewißheit logischer und mathematischer Erkenntnisse zu bestreiten, sieht James in aller Naturerkenntnis Empirie. Auch die Prinzipien der Naturwissenschaft sind nicht a priori gewiß, sondern jene Generalisationen der Erfahrung, die einen hohen Erfahrungswert haben. Weder ihre Un- Veränderlichkeit, noch ihre monistische Geltung für das ganze Universum aber sind erweislich. So entfällt der Anspruch der Natur- Wissenschaft, daß ihre Methode der Kausalerkenntnis die einzig berechtigte sei1. ' Das rationale seelische Leben ist von einem Bereich des i r r a - tionalen Lebens getragen und alles höhere Geistesleben scheint aus dieser Tiefe der Seele zu stammen. Auch die religiöse Erfahrung gehört in den Bereich rationalistisch nicht zu erschließender Tiefe der Seele. Es ist das Verdienst James’, diese Tiefendimensionen der Seele gegen ihre Nivellierung durch'den Rationalismus gesichert zu haben, wenn wir sie auch nicht unterbewußt, wie James, sondern irrational nennen. Die Wahrheit des religiösen Bewußtseins aber kann nicht pragmatisch erwiesen ,werden, wie James irrtümlich. meint, gerade weil die religiöse Erfahrung eine von der empirischen Erfahrung verschiedene ist, sie also verschiedenen Sphären des Erlebens angehören. Auch duldet der Ernst des religiösen Glaubens nicht eine bloß hypothetische Geltung. Vielmehr hat das religiöse Bewußtsein, wie doch auch James erkennt, seine intuitive Gewißheit, genau wie Logik, Mathematik, Ethik und Kunst. Wohl aber bestimmen religiöse Erfahrungen das Leben des Frommen und James hat das große Verdienst, dies am Leben des Heiligen erhellt zu haben. An ihren Früchten wird daher Frömmigkeit erkannt, nicht aber in ihrer Wahrheit erwiesen. Diese 1 Siehe Goldstein: Wandlungen in der Philosophie der Gegenwart. Monatsschrift, 67. Jahrgang. ל

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