Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 15)
- Language
- German
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95) soweit ist sein' Leben erfolgreich, wie traurig auch’sein Los auf der Welt gewesen sein mag. ,,Ihr Gefühl für das Grundgeheimnis der Welt, ihr Feuer,; ihre Güte umstrahlen sie... . . und neben ihnen erscheinen die Herrenmenschen so trocken, roh und hart wie Steine1/‘ Das persönliche religiöse Innenleben hat seine Wurzel in m y s t i - sehen B e w u ß tseinsz 11־ ständen. Ihre charakteristischen Merkmale sind: die Unbeschreiblichkeit, ihr Geistes- und Wahrheits- Charakter, ihre Unbeständigkeit, die Passivität. Die Ueberwindung aller gewöhnlichen Schranken zwischen dem Einzel-Menschen und denr Absoluten ist .die große mystische Leistung. Im mystischen Erlebnis wird der Mensch eins mit dem Unendlichen und wird sich dieser Einheit auch bewußt. Das ist die ewige und triumphierende Tradition der Mystik, die sich in den verschiedenen Ländern und Bekenntnissen kaum unterscheidet. Ist nun dem mystischen Bewußtsein irgend eine Beweiskraft zuzusprechen? Beweist es irgend etwas für die Wahrheit der Ideen, der Wiedergeburt, der Jenseitigkeit und Gottes? Die Antwort ist: 1. Stark ausgeprägte mystische Zustände sind für. die. betreffenden Personen, die sie erleben, meist schlechthin autoritativ; 2. andererseits erhalten sie für die Außenstehenden keinen Zwang, die Offenbarungen kritiklos anzunehmen; 3. immerhin brechen sie aber die Alleinherrschaft des nicht-mystischen oder rationalistischen Bewußtseins, das sich ausschließlich auf den Verstand und die Sinne gründet. Sie zeigen, daß dies nur eine bestimmte Art von Bewußtsein ist und weisen uns auf andere Arten von Wahrheiten hin, an die wir glauben können, so lange,sie in uns einen lebendigen Widerhall finden. . Die mystischen Erlebnisse würden dann also einen Ausblick in eine weitere und umfassendere Welt erschließen, die der Welt des bloß empirischen. Bewußtseins sich ein- und imterordnet. Daß dabei diese Ausblicke selbst nun wieder verschiedenartig sind, würde nur darauf hindeuten, daß auch jene ,umfassende Welt den Charakter einer komplexen Erscheinung trägt. Auch ihr gegenüber ergäbe sich dann die Notwendigkeit, die einzelnen Erscheinungen und Erfahrungen mit einander zu vergleichen ünd durcheinander zu kritisieren. Eine Voraussetzung des Gelingens eines solchen Versuches aber, uns der letzten Wahrheit zu nähern, ist, daß wir die Existenz jener umfassenden Welt anerkennen und ernstlich berücksichtigen: Ein strenger Beweis für die Wahrheit des mystischen Bewußtseins ist nicht zu erbringen, so wenig überhaupt Wahrheiten streng erweisbar sind. Alle; Theorien sind nur wahr, insofern sie in der Erfahrung verifiziert werden und Mittel und Instrumente sind, um neue Erfahrungen zu machen. Wie die. theoretische Wahrheit, hat die religiöse Erfahrung ihre endgültige Prüfung an ihrer Bedeutung für das Leben. Aus der Religion aber strömt in unser Leben Befreiung und Erlösung. ,.Die äußersten Grenzen unseres Lebens berühren, scheint mir, eine Sphäre, die von der sinnfälligen und rein verstandesmäßigen begreifbaren Welt absolut verschieden sind. Man nenne sie die mystische Region oder die Region.des Ueber- 1 James: Religiöse Erfahrung, S. 303. .