Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 14)
- Language
- German
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können• — die‘ ■psychologische Vorbedingung dieses ihres Einwirkens darin bestünde, daß :wir eine• unterbewußte Region besitzen; die allein imstande; wäre; solche Einwirkungen aufzunehmen. Der Lärm des :wachen Lebens könnte sehr wohl eine Tür schließen, die in der Traumsphäre des:Unterbewüßtseins halb oder ganz offen bliebe1.“׳ ן ‘ . Mit der Tatsache der Bekehrung sind Gefühle eigener Art verbunden: Zunächst das Gefühl einer höheren Leitung; sodann, das Gefühl des Aüfhörens alles Unfriedens, die Ueberzeugung, daß sich alles zum Guten wenden wird, die Herrschaft von Friede, Harmonie. Die Geheimnisse des Lebens werden durchsichtig, ein unbeschreib־־ liches Glücksgefühl erfüllt die. 'Seele,- auch Lichterscheinungen und Gehörsempfindungen finden sich ein. So kurz die Dauer dieser Erlebnisse ist, in ihnen liegt der ganze Sinn und Wert des Lebens; sie bestimmen das ganze, weitere Lebern; Der Mensch,, dessen geistiger Mittelpunkt die Frömmigkeit ist, unterscheidet sich unverkennbar von seinem früheren Selbst. Die neue; Glut, die jetzt in seinem Herzen brennt, verzehrt mit ihrem Feuer die niederen Hemmungen, die sich sonst in ihm geltend machten. Der steinerne Wall in seinem Innern ist gefallen, die Härte seines Herzens ist gebrochen. Wir können uns diesen Zustand verdeutliehen, wenn wir. uns jener weichen Stimmungen erinnern, in die uns die Prüfungen des Lebens, aber bisweilen schon Theatervorstellungen versetzen ־.— besonders wenn sie uns zum Weinen bringen. Bei den meisten kehrt freilich nach solchen Stimmungen die alte Härte bald wieder zurück, bei den ״heiligen“ Menschen indessen nicht. Ein ,,h eilig er“ Mensch ist ein. solcher, bei dem religiöse Gefühle den Mittelpunkt des Personenlehens bilden. . Das Bewußtsein einer idealen Macht, das Bewußtsein des innigen Beziehungsverhältnisses des. eigenen Lebens zu. dieser idealen Macht und die willige Unterwerfung unter ihre Leitung, das Gefühl unbegrenzter Erhebung und: Freiheit, da die Grenzpfähle des beschränkten Selbst niederfallen,, führen zu asketischer Aufopferung irdischer Genüsse, zur. Seelenstärke, die keine Furcht und Angst mehr kennt, zu einer alle sinnlichen Elemente tilgenden Reinheit und gipfeln in dem Heroismus der Liebe gegen die Mitmenschen und'selbst gegen die Tiere. Der Uebergang zu diesem Zustand der Ergebung und des Friedens ist der wunderbarste unter allen Veränderungen des inneren Gleichgewichtes. Und ganz besonders wunderbar ist, daß dieser Uebergang oft gerade nicht durch eine Betätigung zustande kommt, sondern durch bloJSe Ergebung; die alles auf Gott wirft. Das Aufgeben der Selbstverantwortlichkeit scheint das bedeutsamste Unterscheidungsmerkmal zwischen spezifisch religiöser und moralischer Gesinnung zu, sein. Die ^Heiligen mit ihrer übergroßen Menschenliebe sind die Fackelträger des Glaubens von der Heiligkeit der Menschenseele. Sie schaffen der Welt neue Werte, sie.erregen und beleben die.Möglichkeiten des Guten,; die ohne sie ungeweckt blieben! Soweit das Beispiel jedes Heiligen ein .Sauerteig der Gerechtigkeit in der Welt ist und dazu beiträgt, daß heilige Sitten mehr. und. mehr׳ zur Herrschaft gelangen, 1 James: Religiöse Erfahrung, S. 197- ...