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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1923-01-01 · Heft 4 · p. Seite 93

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
67 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
Date
1923-01-01
Page
Seite 93 (sequence 13)
Language
German
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und der Lebensfreude ist. Die: Religion der Leichtmütigenwendet sich allem Lichten, Frohen zu. Die Leichtmütigen, die ,,Einmalgeborenen“ wollen die Uebel, die Leiden, selbst Reue und Gewissensbisse nicht als Impulse des Lebens anerkennen. Den Leichtmütigen bedeutet Reue, sich von der Sünde losreißen, nicht unter ihr stöhnen, bedeutet Gotteserkenntnis, Rechtfertigung und Verklärung, nicht Verurteilung und Verachtung des Lebens. Hingegen die ,,Zweimalgeborenen“, die Schwermütigen, bohren ׳ sich in die Schattenseite des Lebens ein, sehen in den Uebeln und Leiden nicht nur Verkehrtheiten und Ünzulänglichkeiten, sondern das Wesen des Lebens. Alle natürlichen Güter werden entwertet: der Reichtum entfliegt; Ruhm ist nur ein Hauch; Liebe ist Trug; Jugend, Gesundheit und Freude vergehen. Der Naturalismus bleibt bei dieser pessimistischen Weltbetrachtung stehen. Stoischer Gleichmut und epikureische Entsagung bedeuten den letzten Punkt, bis zu dem die Diesseitsbetrachtung vorzudringen vermag. Gerade auf dem Nullpunkt der Lebensbewertung aber geht den ,,Zweimalgeborenen“ ein höherer Lebenssinn auf: es gibt zwei Arten von Leben, ein natürliches und ein geistliches Leben, und man muß das eine auf geben, um an dem anderen teilhaben zu können. ,,Bekehrt“' oder ,,wiedergeboren“ werden, ,,Gnade“ erlangen, religiöse Erfahrungen machen, alles dies sind Ausdrücke, die den allmählichen oder plötzlichen Vorgang bezeichnen, durch den ein bis dahin gespaltenes Ich, das sich seiner Verkehrtheit und seines Elendes bewußt ist, durch festeres Ergreifen religiöser Wirklichkeiten für immer Einheit erlangt, so daß es sich nunmehr auf rechtem Wege weiß, sich gehoben und.glücklich fühlt. Wie ist diese allmähliche oder plötzliche Sinnesänderung der Bekehrung zu verstehen?. Hier ist nun von entscheidender Bedeutung, daß unser bewußtes Leben nicht unser ganzes seelisches Leben ist, sondern von einem Kreis unterbewußten seelischen Lebens getragen ist, in dem Gefühle, Erinnerungen) Gedanken sich als auf unser bewußtes Leben wirksame Tatsachen erweisen. Die Erscheinungen der Hypnose, der Hysterie und andere boten zuerst Anlaß zu dieser Entdeckung. Aber gerade das religiöse Leben ist ein bedeutendes Gebiet unterbewußten Erlebens. Die. wichtigste Folge eines stark entwickelten Lebens jenseits der Bewußtseinsgrenzen ist, ,daß die eigentliche Bewußtseinssphäre Einbrüchen aus jenem ausgesetzt ist, deren Quelle das Subjekt nicht errät und die ihm deshalb als unerklärliche Antriebe und Hemmungen, als quälende Vorstellungen oder gar als Gesichts- und GehörshalliW zinationen erscheinen. Diese Ableitung des religiösen Erlebens aus Einbrüchen des Unbewußten in unser bewußtes seelisches Leben aber bedeutet nicht eine.N egat ion der göttlichen Wirksamkeit und des Wahrheitsgehaltes des religiösen Erlebnisses. Wohl ist ein entwickeltes unterbewußtes Selbst und ein durchlässiger Bewußtseinsrand die unerläßliche Bedingung für eine plötzliche Bekehrung. ,,Aber grade wie unser eigentliches, waches Bewußtsein unsere Sinne für die materieilen Objekte öffnet, so ist es logisch denkbar, daß wenn anders es höhere geistige Mächte gibt, die unmittelbar auf uns einwirken

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