Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 8)
- Language
- German
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י• ־־ 88 psychischen Gebilde zurückgeführt, dann ist kein Raum für eine von diesen Verschmelzungsprozessen verschiedene Aktivität de& Denkens und Wollens. Wundt will der Ässoziationspsychologie gegenüber die Aktivität der Apperzeptionen und der Willenshand״ lungen als selbständige seelische Phänomene sichern, ohne die Kon״ sequenz zu ziehen, in Wille und Denken nicht Resultanten asso״ ziativer Prozesse, sondern eigene seelische Kräfte anzuerkennen. Die schöpferische Synthese soll aus der Assoziationspsychologie eine völuntaristische Psychologie machen und beruht doch selbst auf den Grundsätzen, der Assoziationsspsychologie. Gegenüber der' Unklarheit dieses Wundtschen psychologischen Grundbegriffs hat die auf Schopenhauer, Nietzsche, Bergson, Dilthey sich aufbauende Psychologie der Gegenwart1 entschieden den teleologischen Charakter des seelischen Geschehens hervorgehoben. Wie Organismen nicht mechanische, sondern teleologische Kausalzusam״ menhänge, Willenseinheiten sind, so ist es die Teleologie der mensch״ liehen Persönlichkeit, die uns das Verständnis ihrer Kausalität erschließt. Nicht ein Aggregat psychischer Tatbestände, sondern ein Ganzes, das eine reale Einheit bedeutet und als solche ein״ heitliche zielstrebige Selbsttätigkeit hervorbringt, ist die Person. Durch das Merkmal der immanenten Zielstrebigkeit unterscheidet sich die Person von der Sache. Nur eine Psychologie, die diese Ziel״ strebigkeit nicht durch kausalmechanische Erklärung aus der Welt schafft, ist völuntaristische Psychologie. Dann aber sind Mechanismus und Teleologie nicht zwei Betrachtungsweisen desselben Tat״ bestandes, wie Wundt meint, sondern verschiedene Betrachtungs״ weisen verschiedener Tatbestände, nämlich von Sachen und Per.״ sonen. Die Wundtsche Individualpsychologie nivelliert das seelische Geschehen zu sachlichen Vorgängen. In gleicher Weise wie die schöpferische Synthese die Teleologie des individuellen, sucht die Hetero gonie der Zwecke die Schöpfungen des geschichtlichen Lebens zu erklären. Hier hat Wundt das große Verdienst, die über alle, bewußten Zwecke weit hinaus reichenden geschichtlichen Wirkungen bedeutender Ereignisse in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt zu haben. Etwas anderes aber ist es, auf die Unübersehbarkeit des Ineinanderwirkens geschichtlicher Kräfte hinzuweisen, und etwas anderes dieses In״ einandergreifen als einen mechanischen Vorgang der Verschmelzung psychischer Gebilde zu betrachten; Weder die Tat Alexanders des v Großen, ttfii auf unser früheres Beispiel zurück zu greifen, noch die Entstehung der hellenistischen Kultur oder die Entwicklung des Christentums ist ohne die Aktivität von Individuen und Völkern zu verstehen. Geschichte ist nicht nur Schicksal, sondern auch Freiheit. Wundt aber läßt prinzipiell nur den Kausalzusammenhang als. wirksames Prinzip gelten, läßt die geschichtlichen Gebilde als Resultanten des Gemeinschaftslebens aus dem Ineinanderwirken individueller psychischer Reihen hervorgehen, vernichtet die Aktivität des geschichtlichen Lebens. 1 Siehe William Stern: Die menschliche Persönlichkeit; H. Maier: Die Psychologie des emotionalen Denkens; E. Spranger: Lebensformen; R. Müller- Freienfels: Philosophie der;Individualität.