Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 9)
- Language
- German
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89 Die Völkerpsychologie Wundts ist der große Versuch, die komplexen Gebilde des geschichtlichen Lebens, Sprache, Mythos, Sitte, Religion, Recht. Sittlichkeit,' Kunst, Wissenschaft, aus der Selbst- Steigerung der Empfindungen, Gefühle, Ausdrucksbewegungen im Wechselzusammenhang des menschlichen Gemeinschaftslebens zu verstehen. Als großes Beispiel dieser Methode haben wir die Ableitung der Reli gi on aus der Entwicklung des Mythos kennen gelernt. Aus Animismus, Fetischismus, Totemismus, Ahnenkultus, Dämonen-, Heroenverehrung sahen wir durch Assimilation und Assoziation von Gefühlen und Vorstellungen die Göttervorstellungen -hervorgehen und diese die Idee des- Uebersinnlichen aus sich entlassen. Ein enzyklopädisches Tatsachenwissen, beherrscht von einem starken ordnenden Geist, haben wir kennen gelernt. Ist aber die Entstehung der Religion aus dem Mythos wirklich erwiesen? Wir müssen dies bestreiten. So verdienstvoll es ist, das Wesen der Religion nicht lediglich aus den Kulturreligionen zu abstrahieren, sondern die Religion der Primitiven in umfassender Weise heranzuziehen, so ist es eine Willkür, wenn hinwiederum die Religionen der Primitiven nicht als solche anerkannt, sondern als mythologische Vorstadien der Religion behandelt werden und die Religion erst dann als solche erscheinen soll, wenn sie ihren Niederschlag in den Vorstellungen von Göttern als übermenschlichen und sittlichen Wesen gefunden hat. Dadurch übersieht Wundt völlig die starke Religiosität, die in jenen wüsten Vorstellungen zuckend nach Ausdruck ringt, und bemerkt nur die Phantasiegebilde der Vorstellungen die aus den Affekten der Furcht und Hoffnung hervorgegangen sein sollen. Aus den Seelenvorstellungen des Animismus, deren Verwandlungen und Assoziationen seien in innigem Zusammenhang mit der soziologischen Struktur des menschlichen Gemeinschaftslebens die höheren Gebilde entstanden. In Wirklichkeit aber ist nicht der Seelenglaube das allgemeine und bedeutsamste Merkmal der primitiven Religion, sondern der Eindruck des Ungewöhnlichen, Schrecken und Verehrung Erregenden, Uebernatürlichen, Mächtigen, den die verschiedensten Gegenstände in den Primitiven hervorrufen. 'Auch Seelen können diesen Eindruck erwecken; dann werden sie zum Gegenstand religiöser Verehrung: aber ebensosehr alles andere, was das Gefühl des seltsam Mächtigen erregt. Dieses seltsam Erregende, Mächtige, das Mana,. wie es die Melanesier oder Orenda, wie es die Irokesen nennen, ist das Zentr u m der primitiven Religion. Darum erzeugt die Seelenvorstellung nicht notwendig einen Kultus, aber Mana erfordert ein besonderes Verhalten, ist von wichtigen Geboten und Verboten, von Tabu umgeben. ״Das Mana drückt eine besondere psychische Reaktion, eine Art von Wertung, aus, die allmählich bestimmte Wesen, Gegenstände und Handlungen aus den gewöhnlichen Lebensverhältnissen heraushebt und eine Atmosphäre schafft, die gesättigt ist von der gefährlichen und starken Luft der Religion1/* 1 N. Söderblom: Das Werden des Gottesglanbens. Leipzig 1916. S. 190.