Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1923-01-01 · Heft 4 · p. Seite 86

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
67 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
Date
1923-01-01
Page
Seite 86 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2829132-2829915-2829918-2831731--45237-2831775
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

' ־ 86 Stellung des T a b u , des Unverletzlichen, des Heiligen und ihr Gegensatz das Profane, das Unreine treten hervor und beginnen ihre Entwicklung. Die. Reinigungen, die Opfer, die Sühnezeremonien entstehen und ermöglichen die Gemeinschaft mit dem Tabu dds Totemt'ieres. Aber die Verehrung der׳ Tierahnen ist keine dauernde. Der Ahnenk.ultus verdrängt den Tierkultus, mit' der Entwickelung des Stammeslebens zum staatlichen Leben treten die Führer des Stammes deutlicher hervor, ihre Verehrung überdauert ihren Tod. Andrerseits erheben sich mit der reicheren kulturellen Entwicklung die Dämonen von Spukdämonen, Krankheits- und Wahnsinns- Dämonen zu den Vegetationsdämonen, die zu den wichtigsten Lebensvorgängen Beziehungen haben und Schutzdämonen der Orte, Stände, Berufe werden. Indem nun die Idee des Schutzes durch übermenschliche Wesen einesteigende Macht gewinnt, entstehen die Götter vorst ellungen, in' denen sich die Vorstellungen des Helden und des Dämons vereinigen. Mit der Differenzierüng der Kultur übernehmen die Götter bestimmte kulturelle Funktionen im natürlichen, gesellschaftlichen, staatlichen Leben, die Kultgötter werden Kulturgötter. In einem Pantheon der Götter spiegelt die Kultur den Reichtum ihrer Interessen. Von den Göttern beschützt und gepflegt, weiht der Mensch ihnen seinen K u 11 u s ,und verlegt er in sie die gütige Gesinnung, der er vertraut. Die Verehrung der Götter ist Religion. In einer Selbststeigerung der Entwicklung werden die Götter geistiger, der ihnen geweihte Kult symbolischer. Der Polytheismus wird zum Monotheismus, der Eine Gott unendlich und allmächtig, bis die Idee des U ebersinnlichen die konkreten Göttergestalten verdrängt. Als Ziel der Jahrtausende währenden Ent- Wicklung ergibt sich ,,Religion als das Gefühl der Zugehörigkeit des Menschen und der ihn umgebenden Welt zu einer übersinnlichem Weit, in der er sich die Ideale verwirklicht denkt, die ihm als höchste Ziele menschlichen Strebens erscheinen1/* Religion gibt es von dem Augenblicke an, wo im Götterkultus eine solche ideale Welt zur Ausbildung gelangt. Ihre vorreligiösen Stufen sind Animismus,. Fetischismus, Totemismus, Ahnenkult, Dämonen- und Helden Verehrung. Die Götter, deren Walten anfänglich noch wenig verschieden von der rohen Willkür des Heldengeschlechts, ist, dem sie ihren •Ursprung verdanken, nähern sich, indem die sittlichen Regungen/die eine höhere Kultur erstehen ließ, in sie hinüberwandern, mehr und mehr sittlichen Idealen, bis sich die Gottheit ganz in ein überweltliches und übersinnliches Ideal verwandelt. Als solches nimmt es die sittlichen Regungen unter seinen Schütz und wirkt auf die Kräftigung des sittlichen Bewußtseins zurück, Religion und S i 1111 c hk e i t schließen ihren Bund, indem die Sittlichkeit ein Erzeugnis der Religion, aber die. Religion nicht minder ein Erzeugnis der Sittlichkeit ist. Auch der selbständig gewordenen Sittlichkeit gewährt die .Idee des. Uebersinnlichen den 1 Wundt: Völkerpsychologie, Mythus und Religion, Bd. III, S. 522. 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.