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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1923-01-01 · Heft 4 · p. Seite 84

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
67 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
Date
1923-01-01
Page
Seite 84 (sequence 4)
Language
German
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.84 ־■■ * •■־. .־;׳ Erhellung des menschlichen Gemeinschaftslebens:,, ־'.seiner. Struktur und seiner Entwicklung eine geschichtliche Erkenntnis der Kultur begründen. Wie nun das .individuelle seelische Leben das Prinzip der Entwicklung in dem Begriff der sch ö p f e rischen Synthese hat, so ist alle geschichtliche Entwicklung durch das Prinzip der Heterögonie der. Zwecke bedingt, d. h. auch hier herrscht ein Kausalzusammenhang, der zu Resultanten führt, die weit über die ursprünglich bewußt erstrebten Ziele hinaus״ führen; wie etwa die Begründung des Reiches Alexanders des Großen?ur Einheitskultur des Hellenismus, diese zur Ausbreitung und Ent- Wicklung des Christentums, also weit über individuelle Ziele hinaus gewirkt hat. So kann auch eine Erkenntnis der Religion nicht diese auf einen angeborenen religiösen Trieb zurückführen wollen, ohne einer Tautologie zum Opfer zu fallen, sondern gilt es der Ent- Stellung der Religion nachzugehen. Hier nun weist der Vorstellungsgehalt aller Religionen auf Gegenstände, die einer über- \ sinnlichen Welt angehören, von denen der Mensch Schutz und Hilfe erwartet, zu denen er als höheren, mächtigen, idealen Wesen in Hoffnung, Furcht und Verehrung aufblickt, denen er einen Kultus weiht, um von ihnen die Lebensgüter zu erhalten. Wie sind diese Vorstellungen entstanden? Das Uebersinnliche, die Wirklichkeit Ueberschreitende dieser religiösen Vorstellungsgebilde w^eist sie in eine Reihe mit den Vorstellungen des M y t h o s. Die. Entwich lungsgeschichte des Mythos wird zu dem Punkt führen, wo aus dem Mythos die Religion entsteht. Nicht aus der Neugier des Erkenntnisstrebens ist der Mythos entstanden, sondern die affektvolle Erregung hat ihn geschaffen. Wie ein Kind sein Fühlen und Wollen in alle Gegenstände seiner Umwelt projiziert und diese belebt, so steht am Anfang der Entwicklungsgeschichte der Menschheit die mythologische Apperzeption, die die Gegenstände zu fühlenden und wollenden Wesen gestaltet, als der lebendigen Ursache der durch sie in Menschen erregten Affekte. Diese mythologische, belebende Apperzeption ist noch heut in uns mächtig, aber durch die Entwicklung der logischen Kräfte gehemmt und berichtigt. Nur im künstlerischen Erleben, in der ,,Einfühlung‘‘ der ästhetischen Apperzeption hat sie ihren legitimen Bereich, während sie überall da sich üppig entfaltet, wo Kunst und Wissenschaft sie nicht zügeln. Diese mythologische Apperzeption, die in der Allbelebung (Animatismus) ihren; Ausdruck findet, erhielt ihre frühesten und stärksten Reize durch die Tatsachen des Todes und des Traumes. Die regungslose, starre Unbewegtheit des Menschen, der noch so eben sich bewegt und die verschiedenen Aeußerungen des Lebens betätigt hat, schien eine zauberhafte Fesselung der im Körper fortdauernden Lebenskräfte. Empfinden, Fühlen und Wollen sei noch vorhanden, nur ihre Aeußerung sei gewehrt. So wob die Phantasie aus den Assoziationen der Vorstellungen, die mit dem lebenden Körper verknüpft waren, die Vorstellung der Körperseele, die im Körper, fortlebe, und’ in den einzelnen Organen den Sitz ihrer ver-

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