Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2829132-2829915-2829918-2831731--45234-2831772- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
83 rische Synthesen sind. ״In den psychischen Resultanten kommt auf diese Weise ein Prinzip zur Geltung, das wir im Hinblick auf die entstehenden Wirkungen auch als das Prinzip schöpferischer Synthese, bezeichnen können1.“ Dabei ist aber festzuhalten, daß durch diese Verbindungen der Elemente nicht etwa ,,Vermögen“ zur Hervorbringung der entsprechenden Verbindungen, sondern die höheren psychischen Gebilde der Vorstellungen, Allgemeinvorstellungen, Begriffe selbst entstehen und vergehen. ״Auch mit den Begriffen Phantasie und Verstand verhält es sich daher ähnlich wie mit dem des Gedächtnisses. Sie bezeichnen nicht einheitliche Kräfte oder Vermögen, sondern komplexe Erscheinungsformen elementarer psychischer Vorgänge, nicht von spezifischer, sondern von allgemeingiltiger (!) Art. Wie das Gedächtnis ein Allgemeinbegriff für die Erinnerungs- Vorgänge, so sind Phantasie und Verstand Allgemeinbegriffe für bestimmte Richtungen der. apperceptiven Funktionen2.“ So unterscheidet sich die psychische Kausalität von der physischen Kausalität, durch die eigenartige Kraft, Elemente zu neuen Gebilden , zu verschmelzen, durch Verschmelzungen von Elementen neue Gebilde zu erzeugen. Atif diesen spezifischen Synthesen beruht der eigentümliche Zusammenhang des seelischen Geschehens, der den mechanischen Ablauf zugleich als einen zweckmäßigen Zusammenhang gestaltet. Wenn aus den Gefühlen, Affekten, Ausdrucksbewegungen der Wille sich aufbaut, so liegt er also schon in den leisesten Regungen des Gefühles keimhaft beschlossen, kann man daher schon in diesen Gefühlsregungen elementare Willenshand-: lungen erblicken. Da nun Gefühle auch schon die Empfindungen begleiten, enthüllt also der Kausalzusammenhang des Psychischen sich zugleich als eine W L11 e n s e i n h e i t, sind Mechanismus und Teleologie nur zwei verschiedene Ansichten derselben Vorgänge, je. nach dem diese von den sie bedingenden Ur- Sachen oder von den Endeffekten her betrachtet werden. So/Sleht sich Wundt in der Lage, den Willenscharakter des gesamten psychischen, Geschehens hervorzuheben, insbesondere die Phänomene des - Bewußtseins, der Aufmerksamkeit, der Apperception als Willenshanälungen zu bezeichnen, ohne andrerseits die Erklärung der Willenshandlungen aus der Verschmelzung der psychisehen Elemente aufzugehen. b) Völkerpsychologie: Mythus und Religion. Unmöglich aber ist es, die Entwicklung der psychischen Gebilde zu begreifen, ohne die Tatsache zu würdigen, daß das menschliche Individuum mit seiner geistigen Umgebung zu einem Ganzen vereinigt ist, das ebensowohl der Befriedigung der physischen Lebensbedürfnisse wie der Verfolgung der verschiedenen geistigen Zwecke dient und in diesen Zwecken die mannigfachsten Veränderungen zuläßt. Insbesondere alles höhere Geistesleben ist an die Tatsache der menschlichen Gemeinschaft geknüpft, die die Keime aller Kultur in •Sprache, Mythos, Sitte, Religion erzeugt. Demzufolge kann nur die völkerpsychologische 1Wundt: Grundriß der Psychologie. 8. Aufl. S. 399. 2 Wundt: ebenda. 8. Aufl. S. 329. 6*