Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Lehre vom Heiligen Geist im Judentum und in den Evangelien
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 277 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829909-2829914-2831600--45037-2831662- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
277 Nun steht aber im Zusammenhänge mit einer dieser Zeugungsgeschichten die merkwürdige . Angabe, daß ,,bei Sara die W e i s e der Frauen aufliörte“1, Zu Phiions Deutung paßte das vorzüglich; das Weibische, das Symbol leidenschaftlicher Erregbarkeit2 im Gegensatz zur männlichen Standhaftigkeit des Stoikers, ist allerdings mit der göttlichen Saat der Tugend nicht vereinbar. Was aber ist aus dem Weibe Sara geworden? Soweit Philon antwortet 3, meint er entweder, sie sei zu einem übermenschlichen Wesen geworden 4 oder zu einem Mann5 oder zu einer Jungfrau 6. Für letztere Deutung findet er (oder wohl ein belesenerer Vorgänger) eine־ Stütze in dem Propheten wort7, das in der griechischen Uebersetzung Gott als ,,Mann der Jungfräulichkeit" bezeichnet; innerlich möglich wird sie dadurch/daß der Gedanke an jungfräuliche Reinheit8 das Vorurteil gegen das ,,passive" Geschlecht überwindet, ©ann kann entweder die Jungfräulichkeit als Voraussetzung der Be- Ziehung zu Gott erscheinen9 oder als ihre Folge: Gottes Befruchtung macht, im Gegensatz zur menschlichen, das Weib zur Jungfrau; Philon scheidet beide Deutungen nicht; es kommt ihm nur darauf an, die Beziehung zwischen jungfräulicher Reinheit und Gottesnähe aufzustellen. So erklären sich Phiions Deutungen von der jungfräulichen Zeugung, die man so häufig mit bekannten Angaben der Evangelien kombiniert und als Unterlage für die unglaublichsten Hypo- 1 Gen 18u; richtige wörtliche Deutung Quaest. in Gen. IV § 15. 2 Das griechische Wort Pathos (gewöhnlich, aber schlecht durch Affekt wiedergegeben) bedeutet eigentlich passives Verhalten; und diese Etymologie wurde in Phiions Zeit empfunden.' Die Deutung der Frau als Erregbarkeit (oder als Wahrnehmung im Gegensatz zu dem die Wahrnehmungen aktiv verarbeitenden Verstand) beruht also weniger auf Antifeminismus als auf dem Gedanken an das passive Verhalten der Frau in sexueLler Hinsicht; die Unterscheidung zwischen ,,Weib“ und ,,Jungfrau“ erscheint somit von hier aus nicht ganz grundlos. 3 Leg. all. III 218 bleibt die Frage offen. 4 Fuga 167. 5 Quaest. in Gen. IV § 15; Quod det. 28; Ebr. 59 f.; Fuga 128. 6 Hauptstelle Cher. 49 ff.; vgl. Post. Caini 134; Bomn. II 185. 7 Jer 34 אלוף נערי. 8 Zur Wertschätzung der Jungfräulichkeit vgl. Spec. leg. I 101, 105 ff. (Ehegesetze für Priester); Opif. m. 100 (Vergleich der Sieben mit der Parthenos). Sehr lehrreich ist, wie Philon Spec. leg. II 30 unter exegetischem Zwang das Lob jungfräulicher Reinheit und ehelichen Zusammenlebens (mit dem Orthos Logos natürlich!) nebeneinanderstellt. 9 Cher. 50: ,,mit der unbefleckten, unberührten, reinen Natur, dieser wahrhaften Jungfrau, zu verkehren geziemt allein Gott“. Die (unmittelbar folgende) zweite Deutung dürfte aus anderer Quelle stammen.