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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1922-01-01 · Heft 4 · p. Seite 275

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
66 (1922)
Issue
Heft 4
Article
Die Lehre vom Heiligen Geist im Judentum und in den Evangelien
Date
1922-01-01
Page
Seite 275 (sequence 8)
Language
German
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den Eltern Trotz bietet1, scheint ihm der Beziehung auf den Allvater zu bedürfen. Wer aber ist dann die ,,Mutter“? Wollte Philon nicht auf die Deutung des ״Vaters“ verzichten, so mußte er ein weibliches Wesen heranziehen, das als Weltmutter, als mitbeteiligt an der Schöpfung, dem Allvater zur Seite trat. Er wählte die Sophia, die himmlische Weisheit, eine weibliche Darstellung des Logos, der bei der Weltbildung mitgewirkt hat2 3; aus der Verbindung beider geht also die Welt hervor, oder es wird (und diese Deutung ist bekanntlich von großer religionsgeschichtlicher Wirkung gewesen) der Logos, die Weltvernunft, als Sohn Gottes und der Weisheit bezeichnets. Ich wüßte nicht, welch anderes weibliches Wesen Philon eher hätte wählen können, als eben dieses, dessen Personifikation er ja in griechischen wie in jüdischen Quellen fand4; glaubt man aber, wie Leisegang in seinem ersten Buch5, daß auf den Vf. der Weisheit Salomos oder einen anderen Vorgänger Phüons überdies die Vorstellung einer Göttermutter gewirkt haben könne, so mag das diskutabel sein. Mit der Priesterin dagegen, die, zunächst unweise, erst durch die Befruchtung des Gottes höhere Erkenntnis erlangt, hat Phiions Sophia keinesfalls etwas zu schaffen. Die Darstellung Gottes als des Erzeugers der Tugend legt keineswegs das Hauptgewicht darauf, die Ethik religiös zu motivieren. Weit mehr kommt es darauf an, zu zeigen, daß nicht Menschenkraft ausreicht, um die Ideen der Sittlichkeit und die Kraft zu ihrer Durchführung in uns hervorzurufen, sondern daß wir zu beiden des göttlichen Beistandes bedürfen, ja, daß wir selbst uns weit eher passiv verhalten und unser sittliches Denken und Handeln nur Gott zu verdanken haben. Je weiter sich Philon mit dieser Lehre 1 Quod det. pot. 54׳, Ebr. BO. 2 Ueber die Identität beider s. Cohn in Judaica, Festschrift für Cohen, 328. Wenn L. I 67. uneingeschränkt darin recht hätte, daß Logos und Sophia mit dem — zweifellos verwandten — Begriff des Pneuma ״zu einem einzigen Begriff verschmelzen“, so wäre das mit seiner jetzigen Hypothese kaum vereinbar: das Pneuma dürfte nicht für den weiblichen Beteiligten am BefruchtungsVorgang gesetzt werden. 3 Ebr. 30; Quod det. pot. 54; Leg. all. II 49. Wenn De fuga 109 der Logos als Kind beider bezeichnet wird, so liegt exegetischer Zwang vor: es ist (nach Lev 21n) von den Eltern des Hohenpriesters, des Sinnbildes des Logos (§ 108), die.Rede. 4 Auf Spr 822 beruft sich Philon selbst Ebr. 31. In Griechenland sind Personifikationen von Weisheit und Torheit sehr häufig; der Prodikosmythos vom Herakles am Scheidewege war ja weit verbreitet: Alpers, Hercules in bivio, Göttg. 1912. 5 I 74: Griechische und uralte orientalische Mythen׳ von der Weltenmutter mögen hier mit hineingespielt haben.

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