Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Lehre vom Heiligen Geist im Judentum und in den Evangelien
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 271 (sequence 4)
- Language
- German
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271 gewirkt gilt1, erkennen die Priester der Pythia aus deren wirrem Geschrei die Meinung Gottes. Vollends mit Ethik hat die griechische Geisterfüllung nicht das geringste zu tun. Nie hat sittliche Reife als Vorbedingung der Inspiration gegolten; die volkstümlichen Mysterien haben die Sittlichkeit wohl kaum in günstigem Sinne beeinflußt, selbst wenn die Kritik, die z. B. Philon an ihnen übt, übertrieben sein sollte 2.Je weiter sich im Laufe des jüdischen Denkens der Geistbegriff verinnerlichte3, um so weiter entfernte er sich also von griechischer Vorstellung. Der rabbinische Inspirationsbegriff ist somit unbeeinflußt von dem der volkstümlichen Mystik; die Umweit wirkte auf die Voistellungen des Judentums von Geistern, aber nicht auf seine Lehre vom Geist. 3. Befruchtimg durch das Pneuma. Einen wesentlichen weiteren Unterschied müßten wir anerkennen, wenn sich Leisegangs Ansicht als richtig erweisen sollte, daß man in Griechenland dem Pneuma die Kraft geschlechtlicher Zeugung zugeschrieben habe. Nun hat man sich freilich die Erfüllung der Pythia mit dem Geist Apollons so gedacht, daß das Pneuma des Gottes in den Schoß der über dem Erdspalt sitzenden Priesterin eindrang4. 1 Der Versuch von Volz a. a. O. 8 f., in der Bibel Glo s s 01alie im griechischen und paulinischen Sinn festzustellen, ist keineswegs überzeugend (L. 118, 2). Wenn Jehu II Kö 9n von dem Propheten, den seine Obersten als ,,Narren‘4 bezeichnet hatten, sagt: ״ihr kennt ja den Menschen und sein Gerede“, so bedeutet das nicht ,,man versteht nicht, was er will“ (Volz), sondern ,,ihr wißt ja, was man von solchen Reden zu halten hat“; Jehu will sich salvieren für den Fall,-daß die Obersten in der Aufforderung, Joram zu stürzen, Hochverrat sehen. Natürlich werden' die Propheten nicht wohlgesetzt gesprochen haben, wie ein Rhetor mit auswendig gelerntem Konzept, sondern mit heftig hervorgestoßenen, sich überstürzenden Worten; die ganz dunkle Stelle Jes 2810 f. mag als Spott über solche Redeweise aufzufassen sein; daß aber dies ״Stammeln4 (לעג) nicht als charakteristisch für Extatiker gilt, zeigt 3319, wo es dem Volke zugeschrieben wird. Auch im rabbinischen Judentum findet sich nichts, was an Glossolalie erinnert; weder das ״laute Rufen“ des Henoch (7lu), noch gar das starre Entsetzen Daniels 416 hätte Mosiman (Das Zungenreden, 1911, 39) als ״ähnliche Erscheinungen“ buchen sollen; der Tatbestand darf um so weniger verwischt werden, da im Urchristentum das Zungenreden geradezu als ,,charak- 'teristiseheste Geistesgabe44 gilt: Gunkel; Die Wirkungen des heiligen Geistes, 1909, 19. 2 Günstigere Anschauungen in den von Wobbermin, Religionsgeschichtliche Studien, 1896, 36 ff. gesammelten Stellen; vgl. Fridrichsen a. ä. O. 25 und 49; D e J o n g , Das antike Mysterienwesen 2 1919, 2, 1. Daß es Geheimkulte sehr verschiedenen Ranges gab, empfanden schon die Alten. 3 Auch der Vf. der ״Documents of Jewish Sectaries“ (ed. Schechter, 1910) gebraucht רוח הקדש im rabbinischen Sinne: Ginzberg, MGWJ 1911, 676; 1912, 33. 4 L. 32, 4.