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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1922-01-01 · Heft 4 · p. Seite 267

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
66 (1922)
Issue
Heft 4
Article
Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
Date
1922-01-01
Page
Seite 267 (sequence 19)
Language
German
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267 selbstgenugsame Formen des Lebens sind. Ihre Selbständigkeit ist die Befreiung des Lebens von sich selbst. Diese Entleerung der Lebensformen von ihrem metaphysischen Wirklichkeitsgehalt kommt am deutlichsten in Simmels Stellung zur Religion heraus. Religiosität ohne Religion, Gläubigkeit ohne Glauben ist die Bejahung der seelischen Energie bei Gleichgültigkeit, oder selbst Ablehnung ihrer inhaltlichen Wahrheit ist die Selbst- Vernichtung des Glaubens. So wird das Leben des Geistes a r - tis tisch. In aller Buntheit und allem Glanze dieser kulturellen Lebendigkeit fühlt daher das Ich seine Selbstentfremdung, sein Sichverlieren in ein Tun, das nicht es selbst ist. Je tiefer differenziert die Persönlichkeit ist, umso mehr erfaßt sie ihre Fremdheit zu ihrem eigenen Leben, löst sich das Ich von seinen Inhalten, sucht es sein zu sich Kommen, sein reines Ich. Nicht ohne Grund wird von Simmel bei Darlegung der Unsterblichkeitsidee Jajnavalkya genannt. Ein indischer Typus des Lebens gilt als Erfüllung dieser Lebenstendenz. Das Leben zieht sich von dem Spiel der Formen zu sich selbst zurück. Dies aber ist noch nicht die letzte Stellung Simmels. Aus dem Leben sind doch die Formen entstanden, auch ihre Verselbständigung ist ein Werk des Lebens. So können die Formen dem Leben nicht ganz fremd, unangemessen sein. Im historischen Verstehen stellt sich dieser Zusammenhang am deutlichsten dar. Wir verstehen immer von uns aus. Nicht als wenn wir fremdes Leben nur durch Analogieschlüsse aus unserem Ich erfaßten. Das Verstehen des Du ist ein primärer Akt, so gut wie Sehen und Hören. Aber das Verstehen des geschichtlichen Objekts ist von Kategorien getragen, die an Stelle des Objekts einen Begriff setzen, der jene Realität des ge- Schichthöhen Gegenstandes nur symbolisiert. Aber doch hat der Begriff bei aller seiner Inkongruenz die Intention auf die Realität. Geschichte und,Geschehen decken sich nicht, aber sie sind aufeinander bezogen. So sind die Formen ein Versuch, das Leben zu ergründen, haben Leben und Form einen Zusammenhang, der sich unserem Begreifen zwar entzieht, doch aber besteht. Die Form ist ein Symbol des Lebensgehalt s. Dahin weist die Fortführung der Simmelschen Ideenrichtung. So kann es auch nicht bei der bloßen Religiosität bleiben, die als Zwischenspiel erkannt ist. Der Lebenswille der Religion verlangt W״a h r h e i t des Glaubens, Erfassen der Wirklichkeit Gottes als Grund von Leben und Welt. So kann es auch nicht bei der Trennung von Ich und Kulturschaffen sein Bewenden haben. Im Reich des Sinns, der Werte allein erfüllt sich das Ich. Nicht Nirwana, der 18*

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