Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 266 (sequence 18)
- Language
- German
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266 belauschend, es mit einem Gespinst flüssigster Begriffe nachzeichnend im widerspruchsvollen Bewußtsein der Inkongruenz von Leben und Betrachtung und zugleich ihrer tiefsten Einheit. Nichts weniger als ein dogmatisches System der Lebenserkenntnis hätte Simmel in diesen Gedankengängen sehen wollen, wie sehr er überzeugt war, nicht im Vorhof des Lebens stehen geblieben zu sein. So war die Lebensbedeutung der Kultur sein Problem. Wir reden nicht von dem Soziologen, der das Geflecht der sozialen Zusammenhänge menschlichen Gemeinschaftslebens zu zerlegen suchte xbis zur Ueberfeinheit der psychologischen Zergliederung, nicht von der außerordentlichen Weite seines kulturellen Horizonts, das verstand sich alles für ihn von selbst, sein Problem war die Lebensbedeutung des Menschenlebens. Der Neukantianismus gab ihm die Einsicht in die Aktivität des menschlichen Geistes, in die formende Kraft der Seele, die nirgends die Wirklichkeit nur abspiegelt, sondern ihre Struktur der Wirklichkeit einwebt. Die Bergs onsche Lebensphilosophie, Schopenhauer und Nietzsche aber retteten ihn vor dem skeptischen Subjektivismus und Relativismus, zu dem ihn der Kantianismus zu führen drohte. Die Bewegung des Lebens, sein ständiges Anderswerden, seine Selbststeigerung zum Mehr-Leben, zum mehr als Leben im Reiche des Geistes zu entdecken, ist seine Leidenschaft. _ Die Wendung zur Idee charakterisiert seine philosophische Leistung. Aus dem Strom des Lebens erhebt sich ein Reich des Sinns, der Zweckgebundenheit des Lebens entrückt, ein selbstgenügsames Reich der Wissenschaft, Künste Sittlichkeit, Religion. Aber das Leben selbst erhebt sich zu dieser Höhe, so verharrt das Reich der Werte nicht in starrer Ewigkeit, sondern individualisiert und vitalisiert das Leben auch das Wertbewußtsein, bricht sich das 'Wertbewußtsein in der Fülle, der Mannigfältigkeit, dem Wandel individuellen Werterfassens. .Das Reich der Werte ist selbst ein Reich des Lebens, des Wandels seiner Formen, ihres Unterganges, ihrer Neuschöpfung, und ihr Träger, ihr immer neuer Schöpfer ist die Fülle lebendiger Iche. In dieser Souveränität der wertschaffenden Persönlichk ei t e n erlangt das Leben seine höchste Steigerung, aber auch seine weiteste — Entfernung vom Lebensgrunde. Die Kultur hat sich vom Leben gelöst und ist zur Freiheit genialer Lebensformung geworden. In Wissenschaft, Sittlichkeit, Kunst, Religion spricht nicht das Leben seine Wahrheit, seinen tiefsten Gehalt aus, sondern schafft der Geist Aspekte des Lebens, die