Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 265 (sequence 17)
- Language
- German
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265 Schöpfer dieser Gehalte ist, das Ich. In grenzenloser Zufälligkeit erscheint das gelebte Leben vor dem Geheimnis des Ich. Das Wertbewußtsein, das die Unvergänglichkeit der Sinngehalte erfaßt, ergreift auch das Ich als mit den Sinngehalten zwar nicht in einer Ebene liegende Realität, aber auch nicht als nur mit dem Wandel der Lebensinhalte fortgetragene Strömung des Lebens. Ein Drittes zwischen flutenden Lebensinhalten und dauernden Lebensgehalten vereint das Ich sie Beide, höher an Wert als sie. Je tiefer eine Individualität ist, umso mehr erlebt sie dieses Geheime ihres Seins und je mehr sie durch ihre Differenziertheit dem Schicksal ausgesetzt ist, umso unvergänglicher gilt ihr ihr Sein. Diese U n Sterblichkeitshoffnung bedeutet letztlich nicht ein Erlangen jenseitiger Güter, auch nicht bestimmter seelischer Qualitäten, selbst nicht die der sittlichen Güte, sondern dieses ganz Zusichkommen des Ich, gereinigt von allen Zufälligkeiten des Lebens, das Sein des reinen Ich. Diese Unsterblichkeit verlangt nicht ein Erhaltenwerden der körperlichen Elemente des Ich, auch nicht der seelischen Qualitäten, wohl aber jenes Rhythmus, jenes individuellen Lebensgesetzes, das wir sind und das selbst unsere verschiedensten Lebensinhalte umschließt. Wie dieser Rhythmus unseres Lebens unser individuelles Leben in seiner Mannigfaltigkeit zur Einheit formt, ist er auch nicht an unsere Existenz gebunden. Wie wir das Leben der Gattung in der Konstanz des Lebensgesetzes finden, das die Reihe der Generationen umspannt, verträgt die Unsterblichkeit des Ich die Realisierung seines Rhythmus in Wiedergeburt und Seelenwanderung. So nähert sich die Unsterblichkeit des Ich der U n - Vergänglichkeit des Lebens, wird das Ich zu einem bestimmten Rhythmus des Lebens, sich sondernd von den Inhalten des Lebens und doch der Strömung des Lebens zugehörig. Das Leben ist nicht nur die Folge seiner Inhalte, nicht nur der Schöpfer der Formen der Sinngehalte, der kulturellen Strukturen, es ist zu tiefst eine Welt formender Rhythmen, ein Inbegriff individuellen Seins. Leben und Ich sind im Tiefsten irgendwie Eines. Wenn wir diese Gedankenreihen überdenken, so wird uns deutlieh, welche bis ins Tiefste gehende Selbständigkeit des Geistes hier das Lebensproblem zu klären suchte. Abseits von allen historischen Traditionen der Religionen, der Philosophenschulen, doch nicht ein einsamer Denker, sondern mit gespanntester Wachheit das Leben Monatsschrift, 66. Jahrgang. 18