Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 264 (sequence 16)
- Language
- German
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des Glaubens nur ein Zwischenspiel, wie sehr immer der Schein entstehen mag, das religiöse Leben vermöge ohne Glaubensinhalt zu bestehen. Die Zersetzung der Fonnen ohne Schöpfung neuer Formen ist der Konflikt der modernen Kultur schlechthin. Im wirtschaftlichen, sozialen, politischen־, künstlerischen, sittlichen Leben unserer Zeit vollzieht sich der gleiche Vorgang. Das Leben sprengt die Formen, die frühere Zeiten geschaffen und hält die Formlosigkeit vielfach als die reine Form des Lebens. Und doch vermag das Leben des Geistes nur in Fonnen sich darzustellen, die allerdings zugleich das Leben des Geistes einengen. Nie ist der Konflikt zwischen Leben und Form allgemeiner hervorgetreten, als in unserer Zeit, damit aber die Notwendigkeit der Schöpfung neuer den jetzigen Kräften angepaßter Formen, bis diese wieder der Vernichtung anheimfallen. ״So ist das Leben der absolute Kampf, der den Gegensatz von Kampf und Frieden umgreift, während der absolute Frieden, der vielleicht ebenso diesen Gegensatz einschließt, das göttliche Geheimnis bleibt/'1 c) Tod und Unsterblichkeit. Die Rastlosigkeit der Wandlung der Formen, der Rhythmus des Formen schaffenden und Fonnen zerstörenden Lebens findet seinen Ausdruck auch im Kreise des individuellen Lebens, im Gegensatz von Leben und Tod. Denn auch der Tod ist nichts dem Leben von außen Entgegentretendes und es Zerstörendes, sondern gehört in die innere Gesetzlichkeit des Lebens, das Assimilation und Dissimilation, Wachstum und Zerfall in sich schließt. Diese beiden antagonistischen Prozesse konstituieren nicht nur das physische Leben, sondern färben auch das Leben der Seele. Das Bewußtsein des Todes formt unser Leben in den Dimensionen, die wir unseren Plänen und unserem Handeln in Rücksicht auf die Kürze des menschlichen Lebens geben, in der Sonderung unseres Ich von den Inhalten unseres Lebens, die als fließende, kommende und gehende nicht wir selbst sind. Aus dem hierdurch erfolgenden Bewußtwerden der formenden Kraft unseres Ich erhebt sich der Gedanke der Diskrepanz der Tendenzen und Kräfte des Ich zu ihrer möglichen Verwirklichung, des Ueberschusses der Individualität über ihre empirische Realität. Je höher und differenzierter eine Individualität ist, umso vielfacher greift die Umwelt als Schicksal in ihre Lebensrichtung ein, unfbiegend, verkümmernd, zerstörend. Ueber dem Gehalt des Lebens erhebt sich die Bedeutung der Persönlichkeit, die 1 Konflikt der modernen Kultur, S. 48.