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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1922-01-01 · Heft 4 · p. Seite 263

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
66 (1922)
Issue
Heft 4
Article
Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
Date
1922-01-01
Page
Seite 263 (sequence 15)
Language
German
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263 b). Das individuelle Gesetz. Das Leben aber duldet keine dauernde Bindung durch Formen, die sich seiner Strömung entziehen. Wie es der Schöpfer der Formen ist, so zerstört es jede Form, deren Sinn von ihm durchlebt und innerlich überwunden ist, ist die Welt der Formen nicht dem Strom des Lebens für immer entzogen. Die aus dem Leben geborenen Formen werden von ihm verschlungen und durch neue ersetzt, ist Leben dieser Rhythmus von Schaffen, Zerstören und neuem Schaffen der Formen. Dies gilt insbesondere für das Bewußtsein des Sollens, für das sittliche Gesetz. Ein am physikalischen Denken orientierter Rationalismus hat noch in der Kantischen Ethik das Sittliche als allgemeines Gesetz des Sollens dem individuelleil Leben entgegengestellt. Unbezweifelbar ist die Ursprünglichkeit des sittlichen Bewußtseins und kann dieses nicht aus dem Wirklichkeitsbewußtsein abgeleitet werden. Jedoch erfordert die Kantische Formulierung des sittlichen Bewußtseins als Bewußtsein eines allgemeinen Gesetzes die Beurteilung der einzelnen Handlungen durch dieses Gesetz, erfordert also die Heraushebung der einzelnen Hand- Jungen aus dem Lebenszusammenhang. Das Leben aber setzt sich nicht aus einzelnen Handlungen als selbständigen Stücken zusammen, sondern ist eiii individuelles Sein, das in individuellen Akten sich auswirkt. Nicht die einzelne Handlung, unser ganzes Sein beurteilen wür daher im sittlichen Bewußtsein, wie unser ganzes individuelles Sein als Lebensganzes in unseren Handlungen lebt. So ist das Sollen nicht ein allgemeines, sondern ein individuelles Gesetz,׳ das unser Leben durch die Forderung formt, ist das Gesetz individuell und unser Leben objektiv in Erfüllung individueller Gesetze, folgt dem Rhythmus des Lebens auch seine sittliche Form. In der Auflösung aller religiösen Formen als unzureichender Ausdrücke des religiösen Bewußtseins besteht die Krisis der modernen Religiosität. Während die Formen nicht allein des Kultus, sondern auch des Gottesbewußtseins als unzulänglich abgelehnt werden, ja das Gottesbewußtsein selbst erschüttert worden ist, behauptet sich die Kraft der Religiosität, das Ganze des Lebens mit ihrer Form zu durch dringen, das ganze Sein in die Sphäre der Religiosität hineinzuziehen. Religiosität als die Quelle aller Religion überdauert ihre Gebilde. Die Seele will ihre Gläubigkeit bewahren, während sie den Glauben an alle bestimmten Inhalte verloren hat. Und doch ist dies kein haltbarer Zustand. Denn wie alles geistige Leben nur in Formen sich verwirklichen kann, so verlangt der Grundwälle eines religiösen Lebens unvermeidlich ein Objekt, ist jene rein funktionelle Bewegtheit der religiösen Innerlichkeit ohne Gegenstand

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