Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1922-01-01 · Heft 4 · p. Seite 262

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
66 (1922)
Issue
Heft 4
Article
Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
Date
1922-01-01
Page
Seite 262 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2829132-2829909-2829914-2831599--45020-2831647
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

262 alles Seiende in einem unendlichen kontinuierlichen Zusammenhang des Raumes der Zeit, der Bewegung — unter Weglassung aller Wert- Unterscheidungen. Aus dem vital gebundenen vorwiss.enschaff liehen Erkennen erhebt sich die Freiheit wissensc haftlicher Erkenntnis. 2. Im Dienste des Lebenswillens steht das Wahrnehmen. Wir sehen nur, was in unserer Umwelt für uns von Bedeutung ist, genauer: nur das vital Bedeutsame ist unsere Umwelt. Wenn nun an Stelle der Begrenzung des Sehens durch unsere Interessen die Wissenschaft den einheitlichen Zusammenhang der Wirklichkeit setzt, so transcendiert das künstlerische Sehen das vital gebundene Sehen in entgegengesetzter Richtung. In die Individualität des Wahrnehmungsgegenständes bohrt sich hier das Sehen, nicht um das Wahrgenommene dem Lebenswillen zu unterwerfen, sondern weil im Künstle r das Sehen autonom geworden ist. Im Sehen des Künstlers erlangt die Formbestimmtheit des Gegenstandes, ihre Selbständigkeit von der Beziehung auf unseren Willen, wird das Gesehene zur in sich ruhenden Ganzheit, ist das Leben Sichtbarkeit geworden. An Stelle der vitalen Gebundenheit der Sinne ist die Freiheit kirnstlerischer Gestaltung getreten: die künstlerische Klärung der Räumlichkeit im plastischen Bilden, die enthüllende Darstellung menschliehen Daseins in der Typisierung und Individualisierung der Poesie. 3. Desgleichen emanzipiert sich im Recht, in der Sittlichkeit das Richtige, das sein Sollende von der Zweckdienlichkeit des wirfschaftlichen, sozialen, politischen Lebens und werden zu eigenen Formen der Gestaltung des Lebens. Selbst Wirtschaft und Staat Werden zu Selbstzwecken in der Form des Kapitalismus und des Imperialismus, hier allerdings mit negativen Vorzeichen. 4. In der Religion steigern sich die Gefühle des Glaubens, Vertrauens, der Demut, Hingabe, Dankbarkeit, Liebe, Reue, Versöhnung, die das soziale Leben durchziehen und den Lebenszusammenhang der Menschen bilden, zur absoluten Stärke, lösen sich die Gefühle der Liebe, des Glaubens, der Demut, der Hingabe von den irdischsozialen Gegenständen los, und konzentrieren sich gemäß ihrer absoluten Energie zum absoluten Gegenstände, zu Gott. Gott ist die Liebe. Aus dem Leben selbst gehen jene Formen, .jene geistigen Welten hervor, in denen das Leben seine Zweckbestimmtheit überwindet, in denen der Geist sich zur Freiheit objektiver Gestalten erhebt. In Wissenschaft, Sittlichkeit, Kunst, Religion schafft das Leben Formen, die sich dem Leben souverän gegenüberstellen, es als Material ihrer Formung mit ihrem Sinn erfüllen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.